Beispiele von Unternehmen aus der Region

Privates Surfen häufig erlaubt

Stuttgart/Offenbach - Erst die Arbeit, dann das Vergnügen: Diese Faustregel gilt zumindest bei einigen Unternehmen nicht mehr. Sie erlauben auch während der Arbeit privates Surfen oder Telefonieren. Für die Mitarbeiter hat das nicht unbedingt nur Vorteile. Von Marc Kuhn 

Zwischen zwei Besprechungen mal eben bei Facebook gucken oder die Liebste in der Pause übers Diensthandy anrufen. Bei den meisten Arbeitnehmern ist das zwar Usus - in der Regel aber mit einem schlechten Gewissen verbunden. In einigen Unternehmen können Mitarbeiter inzwischen ganz ungeniert Dienstgeräte für private Kommunikation nutzen.

Der Technologiekonzern Heraeus aus Hanau hat die private Nutzung von Kommunikationsmitteln in einer Richtlinie geregelt, wie ein Sprecher unserer Zeitung erklärte. Diese erlaube unter anderem die Nutzung des Internets in geringfügigem Umfang, sofern es keinen Widerspruch zwischen privaten und Unternehmensinteressen gebe. „Bei Diensthandys ist eine private Nutzung nicht zugelassen“, hieß es. „Ausnahmen bilden die sogenannten ,Bring your own device’-Telefone, die privat im Besitz, aber gemäß technischer Anforderungen auch für den dienstlichen Gebrauch zugelassen sind. Hier erfolgt eine getrennte Abrechnung nach privatem und dienstlichen Gebrauch.“

Die Energieversorgung Offenbach (EVO) erklärte, die Nutzung des Internets sei grundsätzlich nur für geschäftliche Belange zulässig - mit einer Ausnahme: In den Pausen dürfe das Internet auch privat genutzt werden. Bei der Firma Arno Arnold in Obertshausen gibt es seit 2005 eine Regelung. „Sollte sich eine dringende Notwendigkeit ergeben, während der Arbeitszeit privat den Internet-Zugang zu nutzen, kann in Ausnahmefällen eine Genehmigung durch den Vorgesetzten erfolgen. Da wir ihnen jedoch entsprechend der Verfügbarkeit die Möglichkeit geben wollen, während den Pausenzeiten das Internet zu nutzen, sind wir verpflichtet, die Einhaltung dieser Regelung regelmäßig stichprobenweise zu kontrollieren, um Missbrauch aufzudecken“, berichtete Geschäftsführer Wolf Matthias Mang.

Einwilligungserklärung der Mitarbeiter

Bei Siemens mit einer Niederlassung am Kaiserlei ist die private Internetnutzung erlaubt, wie ein Sprecher unserer Zeitung sagte. Allerdings müsse der Mitarbeiter eine Einwilligungserklärung unterschreiben. Auf diese Weise könnten auch private Mails eingesehen werden, wenn dienstliche Daten abgerufen würden. Der Sprecher betonte aber: „Es geht nicht um Überwachung.“ Statt dem Diensthandy und dem Festnetzanschluss im Büro sollten die Kollegen zum privaten Smartphone greifen, erklärte er weiter. Allerdings gebe es keine Überwachung. Gespräche mit dienstlichem Bezug seien auch bei den anderen Geräten zulässig. Beim Energiekonzern Areva, der auch in Offenbach vertreten ist, sei die private Nutzung nicht gestattet, insbesondere aus Gründen der IT-Sicherheit, berichtete ein Sprecher.

Der Technikkonzern Bosch, Daimler und IBM ermöglichen ihren Leuten laut dpa private Kommunikation im Dienst. Beim Software-Konzern SAP können Beschäftigte beispielsweise privat über das Diensthandy telefonieren. Die Gespräche laufen dann unter einer zweiten Telefonnummer und werden einzeln abgerechnet. Bei Bosch sieht die Regelung so aus: Private Telefonate sind erlaubt - sofern sie nicht ausarten. Zudem können Mitarbeiter über ihre dienstliche E-Mail-Adresse auch private Nachrichten verschicken.

Das könnte auch Vorteile für den Chef haben: „Digitalisierung darf nicht dazu führen, dass Arbeitnehmer rund um die Uhr erreichbar sind“, warnt die Gewerkschaft IG Metall. „Es gibt ein Recht auf Feierabend und planbare Freizeiten.“ Denn durch die Verzahnung von Freizeit und Beruf könnten auch Grenzen verschwimmen. Wenn Mitarbeiter während der Arbeit Privates jedoch erledigen dürften, seien sie möglicherweise eher willens, umgekehrt auch Dienstliches im Feierabend zu erledigen.

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Jeder dritte Mitarbeiter ist beispielsweise an Wochentagen abends für den Chef erreichbar, wie der Branchenverband Bitkom ermittelt hat. Nach Angaben des Verbands bekommt zudem jeder vierte Arbeitnehmer ein Diensthandy gestellt. 17 Prozent nutzen ihr privates Smartphone für die Arbeit. Dass Mitarbeiter das Diensthandy auch nach Büroschluss am Ohr haben, sollen die Neuerungen Bosch zufolge aber keineswegs bedeuten. „Freizeit bleibt Freizeit“, sagt ein Sprecher. Die Stuttgarter erlauben ihren Mitarbeitern zudem, ihren Arbeitsort frei zu wählen. Personalchef Christoph Kübel glaubt: „Die freie Wahl von Arbeitsort und -zeit steigert die Zufriedenheit der Mitarbeiter, liefert bessere Arbeitsergebnisse und stärkt die Kreativität.“

Das sieht der Technologieriese IBM ähnlich, dessen Mitarbeiter ebenfalls an beliebigen Orten arbeiten können. Allein dadurch seien Privatgespräche während der Arbeitszeit nicht ungewöhnlich, erklärt ein Sprecher. Ausdrücklich nicht erlaubt: Private Ausflüge über das IBM-System auf Porno- oder Glücksspielseiten im Netz. Von ihren privaten E-Mail-Adressen dürfen Mitarbeiter im Dienst zwar Nachrichten versenden. Von der geschäftlichen Adresse sollten sie demnach aber die Finger lassen. Private E-Mails und Telefonate seien für viele Beschäftigte längst Alltag, betont Frank Brenscheidt von der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin. „Dadurch wird sich nicht die gesamte Kultur bei den Beschäftigten verändern.“ Dass sich technikaffine Unternehmen dabei großzügig zeigen, heißt zudem mitnichten, dass jeder Chef seinen Kollegen am Arbeitsplatz das Telefonat mit der Liebsten ermöglicht: Fast jede dritte Firma untersagt nach einer Bitkom-Umfrage privates Surfen am Arbeitsplatz. Bei jedem zehnten Unternehmen gibt es gar keine Regelung.

Rubriklistenbild: © dpa

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