Problem mit der Linientreue

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Die Marktbeschickerinnen Petra Heckelmann (rechts) und Hildegard Höhl brüten über der fünften Version des Belegungsplans, der während der Umbauzeit des Wilhelmsplatzes das Verkaufsstand-Layout vorgibt. Wie am Dienstag der Aufbau auf der südlichen Hälfte des Platzes über die Bühne gehen soll, ist ihnen bisher ein Rätsel. An diesem Samstag wird der Wochenmarkt zum letzten Mal seine bisherige Form haben. Direkt nach dem Abbau soll der Bauzaun gestellt und am Montag früh geschlossen werden. Zieren werden ihn viele zwei mal drei Meter große Plakate, die den Offenbachern die Wartezeit auf den neuen Wilhelmsplatz mit historischen Fotos und städtischen Bekenntnissen zum Wochenmarkt verkürzen sollen. Außerdem sollen, beispielsweise über der Bieberer Straße, Banner darauf hinweisen, dass der Markt trotz des Umbaus nicht ausfallen wird.

Offenbach - Sie besuchen sich gerne gegenseitig, die Menschen vom Markt. Ein Schwätzchen geht immer, und wenn es gerade nichts Neues gibt und nichts, das aufgewärmt sogar noch besser schmeckt, steht ganz bestimmt was in der Zeitung. Von Marcus Reinsch

Die Offenbach-Post, die Bild, da kann man drin lesen, und dann kann man Kartoffeln drin einwickeln oder einen Blumentopf.

Die Lektüre, die die Beschicker des Offenbacher Wochenmarktes in diesen Tagen von Stand zu Stand tragen, obwohl jeder ein eigenes Exemplar hat, würden einige von ihnen auch gerne einfach zusammenknüllen und vergessen. Seit es letzten Samstag im Rathaus den neuen Markt-Belegungsplan für die ersten Monate des halben Jahres gab, in dem der Wilhelmsplatz in zwei Etappen umgebaut wird, fragen sie sich, ob sie sich von den Planern und deren Selbstsicherheit vielleicht doch etwas zu willig haben einwickeln lassen.

Petra Heckelmann, Latzhose, Schildkappe, versucht sich freizukämpfen aus ihrem Gefühl, dass die Sache mit dem ab Dienstag nächster Woche auf die südliche Platzhälfte gequetschten Markt nicht gut ausgehen kann. Es gelingt ihr nicht. Sie fährt mit dem Finger über den Plan, stoppt an der Ecke Bleichstraße, wo in einem grauen Kästchen die Standnummer 2 und „Heckelmann B., Pflanzen“ steht. „Wir kommen ganz da oben hin, ans Trafohäuschen“, sagt sie. Aber genau dieses Trafohäuschen werde ja wohl gleich mitsaniert, mit Bauzaun in vier Metern Abstand drumherum, und deshalb sei der Platz für ihre Pflanzen und den Nachbarstand - „58, Höhl, K. und D., Gemüse“ - nun noch knapper als sowieso schon. Elf Meter sind es heute, „acht Meter bleiben uns, vielleicht.“

Ganz zu schweigen von „Palumbo, A.“ der seine Blumen keinesfalls dort werde verkaufen können, wo in der nach Heckelmanns Wissen mittlerweile fünften Version des Belegungsplans sein Stand Nummer 2 eingezeichnet ist - direkt hinterm Trafohäuschen.

Jetzt wird also die sechste Version gemacht“, sagt die Gärtnersfrau und bespricht sich mit Hildegard Höhl, die seit Marktgedenken mit Gemüse und Blumen aus Griesheim bei Darmstadt anreist und sich fragt, wo das alles hinführen soll mit diesem Geschiebe.

„Wie es gehen soll, hat man uns noch nicht gesagt“

Und überhaupt, der Plan. Wie die Beschicker mit ihren Lastwagen, Transportern und Anhängern am Dienstag kurz vor Sonnenaufgang die gebotene Linientreue beweisen sollen, das scheint bisher vielen ein Rätsel geblieben zu sein. Petra Heckelmann hat das am Samstag so verstanden, „dass das schon geht. Aber wie, das hat man uns nicht gesagt“.

Bisher folgen Auf- und Abbau einer über Jahre, eher Jahrzehnte eingespielten Choreographie. Die sei nun erstmal hinüber, weil der Bauzaun, der am Samstag aufgestellt und am Montag dichtgemacht wird, auch zwei Zufahrten und den zum Rangieren so elementaren Raum einschließe. Dass da vielleicht kurzzeitig auch ein Zaun „schräg über die Bleichstraße“ gestellt werden soll, damit die Brummis über die südlichen Zufahrten auf den dann Nicht-mehr-Parkplatz eine Chance haben, das macht gerade die Runde. Und auch, dass die Stadt doch eigentlich noch wissen müsste, wie der Bücherbus, der mal auf den Wilhelmsplatz sollte, schon an der Kurve an der Bieberer Straße scheiterte.

Und wenn‘s doch passt mit dem befristeten Exil? „Passt der Umsatz nicht mehr“, da zweifeln Heckelmann und Höhl nicht. „An dem Tag, als wir schonmal beiseite rücken mussten, weil hier ein Beachvolleyballturnier war, habe ich 26 Euro gemacht. Umsatz, nicht Gewinn!“, sagt die eine. Und die andere ist sicher: „Ein Standortwechsel ist ein Nachteil, das gibt Einbußen. Die Leute müssen uns ja erstmal finden. Die sagen dann: Ach, hier seid ihr, wie schön. Aber eingekauft haben wir jetzt schon da drüben.“

Mit den Ungemütlichkeiten arrangieren

Da drüben, einmal quer über den Platz, steht Holger Wottke in seinem Verkaufswagen. Hier drehen sich die Hähnchen am Spieß, und hier laufen die Fäden zusammen. Wottke ist Vorsitzender der Marktbeschicker-Vereinigung und als solcher Diplomat. „Wir wollen den Umbau schon“, sagt er, „und wir versuchen, uns mit den Ungemütlichkeiten zu arrangieren, ohne die so eine Sache nicht geht.“ Am Samstag, bei der Stadt, seien schon noch „ein paar Feinheiten hin- und hergeschoben“ worden. Und nun sei der Weg zu „einem schönen Marktbild“ eben durchzustehen. In der Bauphase werde es „natürlich etwas enger“. Er selbst hat längst damit begonnen, seinen Kunden zu sagen, „wo wir dann stehen“.

Nicht aufgegeben haben die Marktbeschicker ihren frühzeitig, letztlich aber vergeblich zu Protokoll gegebenen Standpunkt zum Thema Bodenbelag. „Dass hier wieder eine Art Kopfsteinpflaster hinkommt, das für die Kunden wegen der Rutschgefahr nicht gerade von Vorteil ist, damit sind wir nicht warm geworden“, betont Wottke. „Aber das ist ja nun wohl durch.“

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