Mit Problemen nicht allein

+
Auch bei einem Selbsthilfegruppentag muss es nicht immer todernst zugehen: Spaß gab’s am Stand der Aidshilfe.

Offenbach - Berthold und Klaus sind am Stand der Anonymen Alkoholiker zum „Tag der Selbsthilfegruppen“ am Samstag auf der Frankfurter Straße präsent. Zwei humorvolle Männer, die sich Alkoholiker nennen, obwohl sie schon lange keinen Korken mehr aus der Flasche ziehen. Von Stefan Mangold

Schwer vorstellbar, dass der Suff einmal ihr Leben bestimmte. Ein Passant kommt an ihren Tisch, gibt sich als langjähriger Teilnehmer von Gesprächsgruppen der AA in Frankfurt zu erkennen. „Seit 32 Jahren bin ich trocken“, erzählt der Mann. Er sei „Spiegeltrinker“, habe seinen Pegel gebraucht, um nicht zu zittern. Gern tränke er mal wieder ein Glas Wein, wenn Besuch kommt. Er lässt’s, „die Geschichte wiederholt sich sonst garantiert“.

Schräg gegenüber sitzt Udo Gann. Er ist Ansprechpartner für Opfer sexualisierter Gewalt. In den meisten Fällen stünden Täter und Opfer in sozialem Bezug, weiß er: „Das Fernsehen transportiert nur spektakuläre Fremdfälle, die mit dem Tod eines Kindes einhergehen“. Um den Missbrauch seitens Erwachsener zu beleuchten, die alltäglich mit Kindern umgehen, bringe das gar nichts. Erfreulich hingegen findet Gann die Diskussion über Übergriffe von Priestern und Lehrern.

„Down-Syndrom“ durch Tritt einer Kuh

37 Selbsthilfegruppen haben ihre Stände bei Thomas Schüler angemeldet, dem Leiter des Selbsthilfebüros. Organisatoren sind die Arbeitsgemeinschaft der Selbsthilfegruppen und die gemeinnützige Paritätische Projekte GmbH. Schüler freut sich über zwei neue Gruppen: Angehörige geistig behinderter Kinder mit türkischen Wurzeln. Die türkische Sozialpädagogin Mecbure Birgez betreut in den Hainbachtal-Werkstätten behinderte Menschen, die dort arbeiten. „Viele Türken empfinden es als Strafe Gottes oder als Prüfung, wenn ihr Kind behindert auf die Welt kommt.“ Was es schwer macht, sie in späteren Jahren loszulassen, wenn sie als Erwachsene in betreuten Wohngruppen leben können. „Die Eltern fürchten dann, die Prüfung nicht bestanden zu haben, wenn sich andere um ihre Kinder kümmern“, analysiert die Muslimin. Wichtig sei, den Angehörigen die Ängste zu nehmen.

Ali Karakale, Migrationsberater bei der Arbeiterwohlfahrt, sitzt am Tisch daneben. Er betreut eine ähnliche Gruppe, erzählt von der Scham, die türkische Eltern behinderter Kinder empfänden. Wie es früher auch bei Deutschen der Fall war: Mütter vom Land erklärten das Down-Syndrom ihres Kinds mit dem Tritt einer Kuh.

Zustand nicht als Last, sondern als Bereicherung

„Jeder zehnte Deutsche nimmt irgendwann Kontakt zu einer Selbsthilfegruppe auf“, sagt Joachim Schröck, der Leiter des Behinderten-Werks Main-Kinzig.

Ein Gesprächskreis ist noch relativ unbekannt. Sein Ziel ist es, dass Betroffene ihren Zustand nicht als Last, sondern als Bereicherung empfinden. Ruth Regehly gehört zu diesen Hochsensiblen: „Was uns begegnet, trifft unmittelbar.“ Sie könne sofort die Atmosphäre erfassen, wenn sie einen Raum betrete. Hochsensitive hätten den Nachteil, dass sie schnell an Leistungsgrenzen stoßen.

Wie immer bietet der Selbsthilfetag in Offenbach ein breites Spektrum der Information für Menschen, die mit ihren Problemen und Krankheiten nicht allein bleiben wollen. Davon gibt es genügend, wie Interesse und Kontaktaufnahme an den Ständen belegen.

Kommentare