Gesetzliche Berufsbetreuer

Problemlösung als Bestätigung

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Sie sorgen in Offenbach dafür, dass Menschen, die keine eigenen Entscheidungen treffen können und keine sich kümmernden Angehörige haben, einen gesetzlichen Vormund bekommen. Petra Janßen, Susanne Pletscher, Rudolf Schadner, Sabine Müller-Huwer und Stephanie Ludwig.

Offenbach - Menschen mit geistigen Behinderungen, Psychosen oder Drogenproblemen sind häufig nicht in der Lage, rechtliche Angelegenheiten selbst zu regeln. Bei der Hälfte der rund 2000 Betroffenen in Offenbach übernehmen Angehörige die Vormundschaft. Von Steffen Müller

Wenn es jedoch keine Familienmitglieder gibt, springen gesetzliche Berufsbetreuer ein – wie Petra Janßen und Rudolf Schadner. Ein junger Mann greift zu Drogen, verfällt dem Rausch, wird gewalttätig. Angehörige, die sich um ihn kümmern, gibt es nicht. Da es so nicht weitergehen kann, bestimmt das Gericht eine gesetzliche Berufsbetreuerin für den Junkie – Petra Janßen. Die Diplom-Sozialpädagogin kümmert sich um Bank- und Amtsgeschäfte ihres Klienten, trifft medizinische Entscheidungen – sie hat die komplette Vormundschaft. Petra Janßen ist eine von 80 gesetzlichen Berufsberatern, auf die die Betreuungsbehörde Offenbach zugreifen kann, sobald ein Mensch laut richterlicher Anordnung nicht mehr selbst in der Lage ist, Entscheidungen zu treffen, und keine Angehörigen hat, die diese Aufgabe übernehmen können.

In Offenbach gibt es rund 1000 Menschen, die einen gesetzlichen Vormund haben, die Anzahl an Betreuern reicht mittlerweile aber nicht mehr aus. Deshalb gehen Stadt und Betreuungsbehörde in die Offensive. Gemeinsam werben sie dafür, Sozialpädagogen, Sozialarbeiter, Pädagogen oder Menschen aus medizinischen Berufen für die Aufgabe als Berufsbetreuer zu gewinnen. Zwei von ihnen sind Petra Janßen und Rudolf Schadner. Beide betreuen im Monat im Schnitt zwischen 30 und 50 Personen. Wenn jeder Betreuer so viele Klienten hätte, gäbe es bei 80 Betreuern keinen Mangel. Doch viele Betreuer arbeiten in Teilzeit, haben noch andere Jobs als Sozialarbeiter oder Pädagogen. Als Selbstständige können sie alleine entscheiden, ob sie einen Betreuungsfall annehmen wollen.

Das Werben von Stadt und Betreuungsbehörde ist aber auch eine präventive Maßnahme. Es fehlt an Nachwuchs. Fast die Hälfte der Betreuer in Offenbach hat das Rentenalter bereits erreicht oder ist zwischen 55 und 65 Jahre alt. „Vor einigen Jahren hatten wir noch zwei bis drei Bewerber pro Woche und mussten viele Absagen erteilen“, berichtet Stephanie Ludwig von der Betreuungsbehörde.

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Dass es mittlerweile immer weniger werden, hängt auch mit den Rahmenbedingungen zusammen. Rudolf Schadner erwähnt zwar explizit die Vorteile von flexiblen Arbeitszeiten, abwechslungsreichen Aufgaben („Kein Tag wie der andere“) und dem Reiz der Selbstständigkeit. Allerdings ist nicht alles Gold, was glänzt – angefangen bei der Bezahlung durch das Gericht, die im Vormünder- und Berufsbetreuervergütungsgesetz geregelt ist.

Demnach dürfen die Betreuer pro Klient nur eine gewisse Anzahl an Stunden abrechnen. Die Pauschale richtet sich nach dem Vermögen der zu betreuenden Person, wie lange sie schon betreut wird und ob sie zu Hause oder in einem Heim wohnt. So dürfen für mittellose Betreute, die in ihrer eigenen Wohnung leben, ab dem zweiten Jahr der Betreuung 3,5 Stunden pro Monat abgerechnet werden – eine Zeit, die meistens nicht ausreicht. „Wir opfern viel Freizeit“, sagt daher Petra Janßen. Dass die Betreuung nach Überschreiten der anrechenbaren Stunden eingestellt wird, kommt für die Diplom-Sozialpädagogin nicht in Frage. „Die Bezahlung entspricht nicht dem Stellenwert der Aufgabe“, kritisiert daher auch Sozialdezernent Peter Schneider.

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Vom Job als Berufsbetreuer abschrecken könnte auch, dass der Umgang mit den Klienten nicht immer einfach ist. „Es ist eine verantwortungsvolle Aufgabe, die aber auch schwierig ist, weil das Vorsetzen eines Vormunds von vielen Betreuten als Zwangsmaßnahme empfunden wird“, sagt die städtische Abteilungsleiterin Susanne Pletscher. Für Petra Janßen und Rudolf Schadner ist diese Tatsache aber eher Ansporn denn Abschreckung. „Unser Ziel ist es, dass die Betreuung so schnell wie möglich aufgehoben wird“, beteuern beide.

„Es gibt zwar immer wieder Probleme, aber auch für die meisten eine Lösung.“ Und das sei sehr bereichernd, führt Janßen am Beispiel des drogenabhängigen jungen Mannes aus. Da er trotz mehrerer Therapien immer wieder rückfällig wurde, entschied sie sich, ihn einweisen zu lassen. Dort kam der Junkie zur Besinnung und schaffte den Absprung. Mittlerweile ist er clean und wieder sein eigener Herr. Auch viele Gerichtsverfahren wurden eingestellt, da der Richter die positive Entwicklung anerkannte. Für Janßen ist dieses Beispiel eine Bestätigung für ihre Berufswahl: „An solchen Fällen sehen wir, dass wir etwas bewirken können.“

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