Professor Kai Vöckler im Interview

Gespräch über Offenbach: „Es gibt hier keine Ghettos“

+
Viele, die in Offenbach den Aufstieg geschafft haben, ziehen laut Kai Vöckler in bürgerliche Viertel wie Rumpenheim, Bieber oder, wie auf dem Bild, An den Eichen.

Offenbach - Er kämpft für einen Imagewandel, gegen den Offenbacher Ruf als „Bronx des Rhein-Main-Gebiets“. Im achten Jahr forscht und publiziert der Urbanist Kai Vöckler für seine Stiftungsprofessur „Kreativität im urbanen Kontext“ an der Hochschule für Gestaltung (HfG). Von Tamara Schempp 

Gestern Abend hat er sein neues Buch „Offenbach ist anders“ im Haus der Stadtgeschichte vorgestellt. Im Interview erklärt der Forscher, warum er beim Thema Image auch die Medien in der Verantwortung sieht und welche Probleme Offenbach wirklich hat.

Für Ihre jetzige Stelle sind Sie 2010 aus Berlin nach Offenbach gezogen. Haben Sie sich vorher über die Stadt informiert?

Als ich mich für die Professur beworben habe, hab’ ich Offenbach gegoogelt. Von zehn Meldungen las man bei acht was von Problemstadt, Bronx aus dem Rhein-Main-gebiet, Assistadt.

Was haben Sie sich da gedacht?

Okay, die scheinen ein Problem zu haben (lacht).

Sie haben es mit Humor genommen?

Wenn Sie in Kreuzberg gewohnt haben, nehmen Sie das alles nicht so ernst. Aber das schlechte Image der Stadt Offenbach wird durch die Medien verstärkt, ohne dass die Journalisten das mal nachprüfen. Das macht mich wahnsinnig.

Wer zählt für Sie zu „den Medien“?

Die überregionalen Medien. Das ist die bürgerliche Presse genauso wie das Radio oder Fernsehen. Es gibt selten mal jemanden, der wirklich recherchiert und differenziert berichtet.

Wie wird stattdessen berichtet?

Es gab mal einen durchaus positiven Artikel über Offenbach. Und was war für ein Bild drin? Eine Muslima mit Kopftuch vor braungrauer Betonfassade. Da denk’ ich mir: Super Bildredaktion, ihr habt wieder alle Klischees bedient. Da sitzt dann der Bürger irgendwo im Hochtaunuskreis, sieht das und sagt: Ah, Offenbach.

Die Medien sind also Schuld am schlechten Ruf?

Da wird vermittelt: Das ist hier die Ausländerstadt. Das ist erstmal objektiv richtig aber da geht es dann auch um Begriffe wie „Ghetto“ oder „No-Go-Areas“ [Ein rechtsfreier Raum, Anm. d. Red.]

Sie schreiben in Ihrem Buch, es gäbe in Deutschland keine Ghettos im Sinne von „ethnisch homogenen, räumlich separierten Quartieren“. Aber gibt es hier Problemviertel?

Natürlich gibt es Probleme.

Ich meine sogenannte Problemviertel, im Sinne von sozialen Brennpunkten?

Es gibt soziale Probleme und es gibt Integrationsprobleme. Aber es gibt in Deutschland kein Viertel, wo sich die Polizei nicht reintraut.

Was ist für Sie ein „Integrationsproblem“?

Eine Form der Abgrenzung – etwa, wenn in der zweiten Generation immer noch nicht richtig Deutsch beherrscht wird. Nur sollte man sich das ein bisschen entspannter anschauen und nicht sofort mit „Parallelgesellschaft“ und „Abschottung“ ankommen.

Sie sagen, in Offenbach gäbe es weniger ethnisch-kulturelle Probleme als Herausforderungen durch hohe Arbeitslosigkeit und Armut. Können Sie das genauer erläutern?

Ja, das hat weniger was mit migrantisch oder nicht-migrantisch zu tun, sondern mit der sozialen Situation. Wir haben in den innerstädtischen Vierteln und im Nord-end einen sehr hohen Anteil an Menschen, die für den Arbeitsmarkt gering qualifiziert sind. Diese Viertel sind durch soziale Armut belastet. Das sind eben keine Akademiker.

Sie wohnen im Nordend. Wer sind ihre Nachbarn, im weitesten Sinn?

Viele arbeiten im Niedriglohnsektor. Wir haben sogar Bezieher von Hartz IV, die sind voll erwerbstätig und trotzdem auf Unterstützung angewiesen.

Woran liegt das?

Da kann man sich drüber streiten. Einerseits sind die Lebenshaltungskosten auch in Offenbach hoch. Andererseits kann ein traditionelles Familienbild eine Rolle spielen, wenn beispielsweise die Frau nicht arbeiten geht und zum Haushaltseinkommen beiträgt. Geringqualifizierte haben zudem größere Probleme, auf dem Arbeitsmarkt Fuß zu fassen, als die bulgarische Fachärztin oder der indische Bankmanager.

Fällt es Akademikern aus dem Ausland leichter, sich in Offenbach zu integrieren?

Sie haben hier andere Möglichkeiten. Ein Beispiel: eine moldawische Familie, die Eltern mit Hochschulabschluss, der Mann schlägt sich als Lkw-Fahrer durch, die Frau lernt gerade Deutsch. Sie versuchen, sich in kürzester Zeit zu qualifizieren und aufzusteigen.

Viele Migranten, die den sozialen Aufstieg geschafft haben und zur Wirtschaft beitragen, verlassen die Stadt wieder. Wie kann das Problem gelöst werden?

Im Prinzip kann jeder hinziehen, wo er will. Wir leben in einer freien Gesellschaft. Allerdings haben wir dafür wenig belastbare Zahlen. Viele ziehen dann auch in die bürgerlichen Viertel, nach Bieber oder Rumpenheim.

Warum gerade dorthin?

Man will für die eigenen Kinder ein anderes Umfeld. Soweit wir das wissen, ziehen sie auch oft in die Nachbargemeinden – etwa nach Dreieich.

Werden Zugezogene bei den Alteingesessenen als Offenbacher anerkannt?

Die Überfremdungsängste sind ein kompliziertes Thema. Es gibt da keine Prozentzahlen. Die meisten haben auch kein Problem mit der bulgarischen Fachärztin, sondern eher mit den Unterschichtsangehörigen. Man versucht, unter Seinesgleichen zu bleiben.

Wie können sich beide Seiten einander annähern?

Es ist ein Austauschprozess. Wir müssen uns mit Zuwanderern auseinandersetzen und sie sich mit uns.

Wer ist mehr bereit dazu?

Ich hab’ das Gefühl, die Zuwanderer sind eher bereit dazu als wir Herkunftsdeutschen.

Woran liegt das, Ihrer Meinung nach?

Weil wir uns nicht als Einwanderungsgesellschaft begreifen. Integration ist ein Prozess – das geht nicht von heute auf morgen.

Leserbilder: Die schönsten Plätze in Offenbach Teil 1

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare