Interview über Cannabis, Legalisierung und Sucht

Marihuana: Suchttherapeut über die Risiken des Kiffens

Marihuana: Suchttherapeut über die Risiken des Kiffens
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Die Verantwortlichen des Suchthilfezentrums Wildhof in Offenbach haben festgestellt, dass ein steigender Beratungsbedarf von Cannabiskonsumenten nachgefragt wird.

Offenbach – Das Suchthilfezentrum Wildhof in Offenbach berät und betreut Drogenabhängige, und bietet auch Präventionsprojekte für Schulen an. Die Verantwortlichen haben festgestellt, dass ein steigender Beratungsbedarf von Cannabiskonsumenten nachgefragt wird.

Sozialtherapeut Ulrich Gremm hat es meistens mit den Härtefällen unter den Cannabis-Konsumenten zu tun. Er berichtet im Gespräch von den Risiken und Trends des Cannabiskonsums.

Wie gefährlich ist Cannabis?

So einfach kann man die Frage nicht beantworten. Letztendlich hängt es davon ab, wie alt und in welcher Konstitution der Konsument ist, und in welcher Dosis, Häufigkeit und Form Cannabis konsumiert wird. Je jünger die Konsumenten sind – und bei uns in Stadt und Kreis Offenbach sind auch schon einige dabei, die mit zwölf Jahren das erste Mal konsumieren – desto höher ist natürlich die Gefahr, dass in der körperlichen und psychischen Entwicklung hohe Schädigungen stattfinden – vor allem, wenn man bedenkt, dass erst mit 25 das menschliche Gehirn voll entwickelt ist.

Was sind denn konkret die Risiken und Gefahren des Cannabiskonsums?

Es vermindert das Lernvermögen und die Gedächtnisleistung, Aufmerksamkeitsdefizite treten auf. Beim Rauchen geht es natürlich auf die Lunge und die Atemwege. Bei Veranlagungen für psychische Erkrankungen in der Familie kann der Konsum auch Psychosen, Depressionen oder Angst- und Panikstörungen auslösen.

Ab wann ist Cannabiskonsum problematisch und wie äußert sich problematischer Konsum?

Das hängt von Entzugssymptomatiken ab, von den konsumierten Mengen und der Häufigkeit. Täglicher Konsum zum Beispiel kann leicht in eine Sucht führen. Nach etwa ein bis zwei Jahren übermäßigem Konsum, – also mehr als zwei Gramm am Tag – ist sicher, dass eine Abhängigkeit entsteht. Dabei haben wir es mit zwei Abhängigkeiten zu tun, körperlich und psychisch. Bei der psychischen Abhängigkeit ist immer die Frage, wie die Funktion der Rauschmittel in Kombination mit der Psyche einhergeht. Wird Cannabis konsumiert, um Probleme zu bewältigen, dann kann das natürlich schnell in eine psychische Abhängigkeit münden. Körperlich dauert es ein Stück länger, eine psychische Abhängigkeit geht in der Regel schneller.

Wie sind denn die Konsummuster? Sie haben gesagt, dass schon Zwölfjährige kiffen – haben Sie das Gefühl, dass das Einstiegsalter niedriger oder der Konsum mehr geworden ist?

Die Konsumenten sind auf jeden Fall jünger geworden, das durchschnittliche Alter des Erstkonsums liegt inzwischen bei 15,8 Jahren, beim Alkohol sind es 12,8 Jahre. Wir haben festgestellt, dass Zwölfjährige schon häufiger mit Cannabis auffällig werden in der Schule. Außerdem nimmt die Menge des Konsums zu.

Hat sich in den letzten Jahren der gesellschaftliche Umgang mit dem Thema Cannabis geändert?

In der Gesellschaft hat sich die Wahrnehmung von Cannabiskonsum derart geändert, dass mehr Leute auch darauf achten. Das heißt, dass die Prävention, die wir in Stadt und Kreis an den Schulen anbieten, auch Wirkung zeigt. Lehrer und Eltern sind mehr für das Thema sensibilisiert.

Cannabis wird oft mit Alkohol verglichen, weil das eine ein legales Suchtmittel ist und das andere verboten. Kann man die beiden Rauschmittel überhaupt miteinander vergleichen?

Sagen wir es mal so: Die Prohibition hat in der Geschichte noch nie geholfen. Alkohol ist letztendlich genauso ein Zellgift wie Cannabis und andere Suchtmittel. Beim Alkohol kann die Entwicklung einer Abhängigkeit bis zu zehn Jahre dauern, beim Cannabis geht das viel schneller. Trotzdem macht der direkte Vergleich nicht wirklich Sinn, sondern es geht darum, welche Folgen und Schädigungen entstehen können. Wenn man über eine Legalisierung oder Entkriminalisierung von Cannabis spricht, ist immer die Frage, unter welchen Umständen. Beim Alkohol gibt es ja eine Lebensmittelüberwachung, das wäre auch bei einer Cannabis-Legalisierung wichtig, um zu gewährleisten, dass zum Beispiel nichts beigemischt wird.

Da Sie es gerade ansprechen: Macht eine Legalisierung aus Sicht eines Sucht-Therapeuten Sinn?

Die Kriminalisierung ist ein Problem: Zum einen werden die Konsumenten stigmatisiert, weil sie straffällig geworden sind. Zum anderen kostet die Strafverfolgung viel Geld und Zeit. Man könnte ja auch das viele Geld in die Prävention stecken, um dann eine ordentliche Aufklärung leisten zu können, so wie man es beim Alkohol und beim Glücksspiel auch tut. Wir stehen deswegen einer Legalisierung nicht negativ gegenüber. Wichtig ist für uns dabei aber die Frage, in welcher Form das durchgeführt wird. Da wäre zum Beispiel die Frage nach dem Besitz, dem Handel und dem Anbau zu klären. Aus unserer Sicht wäre eine staatlich kontrollierte Produktion und Abgabe von Cannabisprodukten wichtig, beim Anbau für den eigenen Bedarf müsste man zum Beispiel eine Höchstmenge festlegen, und der Verkauf an Minderjährige sollte natürlich weiterhin strafbar bleiben.

Hat in der Coronakrise der Cannabiskonsum zugenommen?

Beim Alkohol wurde seit dem Ausbruch von Corona 30 Prozent mehr verkauft, der Cannabiskonsum ist ebenfalls gestiegen, aber da kann ich jetzt nicht genau sagen, wie viel konsumiert worden ist.

Was sind die Gründe?

Die Ursachen für den gestiegenen Konsum liegen in der bestehenden Struktur bei den jungen Menschen: Im Lockdown hatten sie weniger Freizeitmöglichkeiten und Kontakte, das heißt, die sozialen Strukturen fielen teilweise weg. Und wenn ein Familienverbund zwangsweise so viel Zeit miteinander auf engem Raum verbringen muss, können natürlich auch erhöhte Stressfaktoren und Konfliktpotenzial entstehen. Das verursacht natürlich enormen Druck und kann dazu führen, dass Problemlösungsstrategien gesucht werden, wobei Cannabis oder Alkohol natürlich Mittel sind, um den Stress zu bewältigen oder abzubauen.

Das Gespräch führte Niels Britsch

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