Weg aus dem Abseits

Jugend-Projekt „Fußball ist das Tor zum Lernen“

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Kickers-Profi Sead Mehic im Kreis der Teilnehmer. Auf aktives Training muss er gestern wegen einer Knieverletzung verzichten.

Offenbach - Keine Ausbildung. Keine Arbeit. Keine Perspektive. Kein Bock. So sieht heute das Los etlicher junger Menschen aus. Das hören Jobvermittler der lokalen Arbeitsagentur dutzendfach in der Woche. Von Martin Kuhn

Ihre Aufgabe ist es, die Jugendlichen auf Kurs zu bringen, ihre Defizite auszugleichen, ihnen eine Chance zu eröffnen. Dafür gibt es viele Förderprojekte. Ein erfolgversprechendes, für das der Kickers-Routinier Mehic die Patenschaft übernommen hat, zieht gestern Zwischenbilanz.

Für die jungen Offenbacher ist Fußball nicht nur das halbe Leben, sondern das „Tor zum Lernen“. Morgens drücken sie die Schulbank, nachmittags jagen sie dem runden Leder hinterher. Letzteres tun sie, wie das gestrige lockere Turnier in der Fußballhalle zeigt, mit viel Eifer und Freude. „Gib’ Pass.“ „Geh’ doch.“ „Doppel.“ Das versteht jeder Fußballer. Ein Klaps zur Aufmunterung, wenn’s nicht funktioniert hat. Geht der Daumen hoch, signalisiert es: Weiter so! Kommen sie vom umgrenzten Kunstrasen, geben sie Mehic die Hand oder klatschen einfach ab. Auch das versteht jeder Fußballer.

Fußball-Projekt für Jugendliche mit Sead Mehic

OFC-Profi Sead Mehic unterstützt beim Projekt „Fußball ist das Tor zum Lernen“ Jugendliche beim Weg ins Berufsleben. Wir waren beim Probetraining im Soccers-Point Offenbach dabei. Das Projekt wird von der MainArbeit, dem hessischen Fußballverband und der Stadt Offenbach organisiert.

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„Der Sport zieht sie und bindet sie“

Was den Offiziellen viel wichtiger ist als ein gelungener Doppelpass oder ein verschwitztes Trikot, ist beim Termin nur zu ahnen. „Der Sport zieht sie und bindet sie“, formuliert Natascha Kauder, Teamleiterin der Arbeitsagentur. Es lässt sich auch auf diesen Nenner bringen: Die Jungs bleiben beim Fußball, also bleiben sie auch in der Qualifizierung.

Genau das ist es für die Jugendlichen, die eins eint: Sie erhalten Arbeitslosengeld 2 oder kurz ALG 2, Hartz IV. Eine Schublade, in der keiner stecken möchte. Die Arbeitsvermittler erleben es immer wieder: „Viele sind einfach nur noch müde...“ Als wahre Frischzellenkur erweist sich für sie der Sport, speziell der Fußball: Da fällt ihnen plötzlich das Lernen in Fächern wie Deutsch, Mathematik, Sozialkunde leichter.

Ausbildung und Beruf

Der Sozialpädagoge Stefan Landgraf, angestellt beim Projekt-Träger Ekip, weiß: „Man muss es so klar sagen, die Jungs kommen ja nicht freiwillig zu uns. Sie müssen. Aber der Sport schweißt sie zusammen, sie sehen sich inzwischen als Team, als Familie.“ Und da gibt es ungeschriebene Regeln, die in der Gruppe zu befolgen sind. Das gemeinsame Frühstück beginnt pünktlich um 9 Uhr – ohne Diskussion, ohne Ausrede. Landgraf: „Es sind mitunter die kleinen Dinge, an die sie sich gewöhnen müssen, die später in Ausbildung und Beruf gefragt sind. Zuverlässigkeit, Pünktlichkeit.“

Also bildet der praktische und theoretische Sport parallel zum Fachunterricht die zweite Säule. Während des Jahres bekommen die Jugendlichen Gelegenheit, eine Trainer-C-Lizenz Breitenfußball abzulegen. Der Erwerb dieser Zertifikate soll bei den Jugendlichen einerseits die Persönlichkeitsentwicklung vorantreiben und sich andererseits positiv bei anstehenden Bewerbungen auswirken, „weil dadurch Führungskompetenzen und Fähigkeiten zum Teamgeist ausgewiesen werden“, sagt Gül Keskinler, die 2001 Ekip als Interkulturelles Kompetenzteam gegründet hat. Zielgruppe der Agentur: 16- bis 25-jährige. Durch eine Tätigkeit als Hospitant in Fußballvereinen werden die Jugendlichen nach und nach an ehrenamtliche Aufgaben in den Klubs herangeführt.

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Noch wichtiger jedoch: Zu dem Projekt gehören Praktika bei Firmen, die Türen öffnen. Landgraf: „Viele sind in ihren Vorstellungen zu eingefahren. Jungs liebäugeln mit Kfz-Mechatroniker. Oft sind das naive, verklärte Blicke. Wir zeigen Alternativen auf.“

So verlassen einige früher die Maßnahme, weil sie dabei Ausbildungsplatz oder Job gefunden haben. Aktuell sind 15 junge Menschen dabei bis zum 30. August. Fünf haben bereits einen Vertrag unterschrieben – als Bürokaufmann, als Handwerker, als Chemikant.

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