Arbeit, die glücklich macht

Offenbach - Tatjana Samardzic hat Maschinentechnikerin gelernt und als Filmvorführerin gearbeitet. Seit 1989 lebt die gebürtige Jugoslawin in Deutschland, seit Mai 2011 in Offenbach, derzeit ist sie arbeitslos. Von Markus Terharn

Erste Erfahrungen in der Altenpflege sammelte die Mutter zweier erwachsener Kinder in der Diakonie, als Ehrenamtliche. Dies will die 46-Jährige nun zum Beruf machen. Am 1. Oktober beginnt sie ihre Ausbildung zur examinierten Altenpflegerin. Doch dies soll keineswegs das Ende der Fahnenstange für sie markieren: „Ich will noch Soziologie studieren...“ Samardzic ist eine von zehn Frauen, die BeA bislang in ein Vertragsverhältnis gebracht hat. Beworben hatten sich 57 Frauen aus 27 Nationen. Narges Yelaghi, Projektleiterin der Gemeinnützigen Offenbacher Ausbildungs- und Beschäftigungs-Gesellschaft (GOAB) und selbst Iranerin, zählt auf: „Afghanistan, Ägypten, Äthiopien. Benin, Ghana, Kenia. Indien, Iran, Türkei. Polen, Serbien, Montenegro.“

Unabdingbar sind Deutschkenntnisse. Die hat Aida Halilovic, seit 2007 in der Bundesrepublik, an der Volkshochschule Offenbach erworben. Die 35-Jährige Ex-Jugoslawin kann zum 1. September ihre Ausbildung zur Altenpflegehelferin anfangen, nur ihre Unterschrift fehlt noch. Problem: Da beide Kinder recht klein sind, gilt es die Lücke zwischen Arbeitsbeginn (6 Uhr) und Betreuungszeit (ab 8 Uhr) zu schließen. 20 Interessentinnen erfüllten nicht die Voraussetzungen, musste Projektleiterin Yelaghi feststellen. Es haperte mit Sprache, Gesundheit oder Schulabschluss. Mahnaz Koschnitzke etwa hat im Iran ihr Tiefbauingenieurstudium nicht abschließen dürfen. Ihr Abitur, Fachrichtung Wirtschaft, liegt in Darmstadt zur Prüfung vor. Das Schulamt entscheidet, ob es dem deutschen Realschulabschluss entspricht – dann kann die 48-Jährige, die seit 2008 in Deutschland lebt, als Zimmermädchen im Hotel sowie Hausfrau und Mutter tätig war, eine dreijährige Ausbildung zur Altenpflegerin aufnehmen. Wird ihr Abgangszeugnis als dem Hauptschulabschluss gleichwertig eingestuft, reicht es nur für die einjährige Qualifikation zur Altenpflegehelferin. Sie könnte dann das Examen draufsatteln, bekäme die Lehrzeit auf zwei Jahre verkürzt. Es wäre indes arbeitsintensiver.

Immerhin: Koschnitzke, in zweiter Ehe mit einem Deutschen verheiratet, hat Schul- und Ausbildungsplatz sicher. Das ist nicht selbstverständlich. Denn anders als im klassischen dualen Ausbildungssystem bekommt nicht jeder Azubi automatisch den Platz an der Berufsschule. Das bedarf einer Kooperation zwischen Betrieb und Schule. Es ist aber schon einfacher geworden. „Früher waren die Schulplätze in Hessen gedeckelt, erst auf 3500, dann auf 3800, dann auf 4000“, weiß GOAB-Geschäftsführer Jürgen Schomburg. „Der Deckel ist seit einem Jahr weg“, ergänzt Sozialminister Stefan Grüttner (CDU), der sich an Ort und Stelle über den Fortgang von BeA informiert.

Den Besuch der oft privaten Schulen lässt sich das Land mehr als 14 Millionen Euro im Jahr kosten. Mangels räumlicher oder personeller Kapazitäten warten zwei BeA-Frauen noch auf einen Platz. „Ziel ist, dieses und nächstes Jahr je mindestens 15 Frauen in einen Vertrag zu bringen“, erläutert Diplom-Volkswirtin und Gesellschaftswissenschaftlerin Yelaghi. Sie wirbt Kandidatinnen an, prüft ihre Eignung, vermittelt Praktika, bietet bei Bedarf Sprachkurse an und begleitet die Frauen im ersten Jahr. Für den Projektzeitraum von November 2012 bis April 2014 gibt das Land 105 000 Euro. Auch der Europäische Sozialfonds und die Stadt Offenbach leisten Unterstützung. Das freut nicht nur Tirtho Singh. Die Inderin (38), seit 15 Jahren in Deutschland, wohnt in Offenbach und hat dank BeA Schul- und Ausbildungsplatz in Frankfurt gefunden. Nach sieben Jahren als Hausfrau und Mutter will sie sich um alte Menschen kümmern: „Es ist eine Arbeit, die mich glücklich macht!“

Rubriklistenbild: © dpa

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