Für Gleichberechtigung, gegen Unterdrückung

Projekt „Heroes“: Heldenhaft gegen Ehrgewalt

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Ollga Mato, Anja Straubel, Zafer Cin und Mehmet Koc sind das Offenbacher „Heroes“-Team. Ab September besuchen sie Schulen und wollen Jugendliche mit Migrationshintergrund dazu bringen, den traditionellen Begriff der „Ehre“ zu hinterfragen.

Offenbach - Wer sich gegen Unterdrückung im Namen der Ehre und für Gleichberechtigung einsetzt, ist ein Held. Erst recht, wenn er aus einem Kulturkreis stammt, in dem der Begriff der Familienehre eine zentrale Rolle spielt. Von Veronika Schade 

Das Projekt „Heroes“ (englisch: Helden) unterstützt junge Männer dabei, diese Strukturen zu überwinden. Als erste Kommune in Hessen setzt es nun Offenbach um. Es ist ein Spannungsfeld, dem sehr viele junge Offenbacher mit Migrationshintergrund täglich ausgesetzt sind: Sie wachsen mit der Kultur, Tradition und dem sozialen Hintergrund ihrer Eltern auf, erleben aber die Werte und Anforderungen der deutschen Gesellschaft, die mit denen ihres Herkunftslandes nicht immer konform sind. Weichen sie in ihrem Verhalten von den althergebrachten Vorstellungen ab, gerät die „Familienehre“ in Gefahr. Die schlimmste Folge davon kann der „Ehrenmord“ an einem Familienmitglied sein – etwa der Tochter, die sich weigert, eine arrangierte Ehe einzugehen.

Ein solcher Mord an der jungen Deutschen kurdischer Herkunft Hatun Sürücü war die Initialzündung für das Projekt „Heroes“. Es wurde 2007 in Berlin gegründet, setzte sich schon in Städten wie München und Duisburg durch. Offenbach folgt nun als erste hessische Kommune. Sein Ziel ist, Aggressionen in Form von psychischer und physischer Gewalt sowie die Unterdrückung von Mädchen und Frauen im Namen der Ehre abzubauen und sich für Gleichberechtigung beider Geschlechter einzusetzen.

Traditionen hinterfragen

Projektmitarbeiter, die selbst aus den entsprechendem Kulturkreisen stammen, gehen an die Schulen, reden mit den Jugendlichen. „In zwei bis drei Unterrichtsstunden können wir einen Menschen nicht ändern“, stellt Yilmaz Atmaca klar, Gruppenleiter in Berlin. „Wir möchten, dass die jungen Männer anfangen, die Traditionen zu hinterfragen, über alternative Sichtweisen nachdenken.“ Und sich ihre eigene Meinung bilden, sich positionieren. So mancher davon erklärt sich bereit, an den wöchentlichen Trainings teilzunehmen, in denen sie sich mit Themen wie Ehre, Identität und Geschlechterrollen auseinandersetzen.

„Die Hauptmotivation zur Teilnahme ist für die meisten, dass sie ihr Image in dieser Gesellschaft ändern möchten“, sagt Atmaca. Ein trauriges Zeichen dafür, dass die Gesellschaft gespalten sei, zu sehr nach Herkunft trenne: „Dabei sind das Jugendliche unseres Landes, die Zukunft von uns allen.“ Die wöchentlichen Treffen gehen über ein Jahr. Am Ende der Trainingsphase werden die jungen Männer zu anerkannten „Heroes“ zertifiziert und sind in der Lage, eigenständig Workshops zu geben.

Religion spielt übrigens bei den Treffen keine Rolle. Die Grundlage der Argumentation sind Menschenrechte, wie der Berliner erläutert: „Kämen wir mit dem Koran an, würde sich niemand trauen, etwas zu sagen. Wir möchten die Jugendlichen aber nicht verstummen lassen, sondern sie dazu bringen, ins Gespräch zu kommen.“

„Friedliches Zusammenleben ist elementares Ziel“

In Offenbach ist das Deutsche Rote Kreuz (DRK) Träger des Projekts. Die Idee dazu trug ihm bereits im Jahr 2013 das „Netzwerk gegen Gewalt“ heran. „Nach einem Besuch in Berlin stand für uns fest, dass wir das Projekt unbedingt hier brauchen“, sagt Anja Straubel, Koordinatorin des vierköpfigen Offenbacher „Heroes“-Teams. Es folgte eine Phase der Antragstellung, bis im Januar 2015 die Aktion Mensch die Bezuschussung mit der Höchstfördersumme von 250.000 Euro zusagte. Das DRK steuerte Eigenmittel von 100.000 Euro bei. Die Projektlaufzeit beträgt zunächst drei Jahre. Stadtrat und Sozialdezernent Felix Schwenke begrüßt das Projekt nicht nur wegen der großzügigen Finanzierung: „Wir sind die Stadt mit dem deutschlandweit größtem Anteil an Bürgern mit Migrationshintergrund. Ein friedliches Zusammenleben auf Basis unserer freiheitlichen Werte ist ein elementares Ziel, zu dem das Projekt einen Beitrag leisten kann.“

Ab September geht es richtig los, besucht das „Heroes“-Team Schulen in Stadt und Kreis mit Schülern im Alter ab 16 Jahren. „Auch beim Präventionstag stellen wir uns vor und hoffen, dort Leute zu gewinnen“, so Straubel. Wie viel Mut dazu gehört, sich gegen die Autoritäten des eigenen Kulturkreises zu stellen, würdigt DRK-Vizepräsidentin Donata Freifrau Schenck zu Schweinsberg: „Alle, die teilnehmen, verdienen die Bezeichnung Helden!“

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