Projekt mit Vorbildfunktion

„Jumina“ will zeigen, was Schüler außer Noten noch zu bieten haben

Offenbach - Interkulturelle und soziale Kompetenzen von Kindern und Jugendlichen finden kaum eine Entsprechung auf Schulzeugnissen. Dabei sind sie auf dem Arbeitsmarkt gefragt. Von Christian Wachter 

Zuversichtlich, was ihre berufliche Zukunft angeht: Azada Sharifi, Alim Besli und Madiha Mahmood (von links) von der Ernst-Reuter-Schule.

Das Projekt Jumina will potenziellen Arbeitgebern zeigen, was Schüler außer ihren Noten noch zu bieten haben. Jumina, das steht für Junge Menschen in Ausbildung. Und der Name ist Programm. Seit 2005 unterstützt das Gemeinschaftsprojekt des Staatlichen Schulamts und des CGIL-Bildungswerks beim Übergang von der Schule in die Arbeitswelt. Mit dem „Schülerportfolio interkulturell“ kam ein Konzept hinzu, das interkulturelle und soziale Fähigkeiten sichtbar machen soll. Dafür ist Jumina mit drei Lehrkräften an vier Schulen der Stadt und einer im Kreis im Einsatz. An der Ernst-Reuter-Schule steht Elisabetta Fortunato den Schülern zur Seite: Mit Lehrern in Fächern wie Arbeitslehre oder Deutsch, aber auch bei der Vorbereitung auf Praktika oder der Organisation von Betriebsausflügen. Fortunato gehört zum Pool „Lehrer mit eigenem Migrationshintergrund“, den das Schulamt stellt. Unter ihrer Anleitung haben die jetzigen Neuntklässler Azada Sharifi, Alim Besli und Madiha Mahmood vergangenes Jahr begonnen, ein Portfolio zu erarbeiten. Damit wollen sie sich dann bei potenziellen Arbeitgebern bewerben.

Dafür trugen sie in ein Buch beispielsweise ein, wo ihre Wurzeln liegen, welche sprachlichen und kulturellen Kenntnisse sie haben. Daneben sollten sich die Schüler selbst einschätzen; Klassenkameraden schrieben auf, welche positiven Eigenschaften sie in jedem sehen. Die Einschätzung, dass man mit ihr sehr gut reden könne und sie Humor habe, gab Azada Mut. Wegen der für ihr Alter ungewöhnlichen Hobbys – sie zeichnet gern, liest Nietzsche und Freud und schreibt an einem Buch – sah sie sich etwas außen vor. Dass sie gut mit Menschen kann, fiel ihr während eines Praktikums im Krankenhaus auf, als sich ihr ältere Patienten öffneten. Ihr lang gehegter Wunsch, Psychiaterin zu werden, ist seitdem stärker als je zuvor: „Ich habe viel über mich erfahren, auch, dass ich meine Interessen – etwa mit der Kunsttherapie – mit dem Beruf verbinden könnte.“

Bei Klassenkamerad Alim, der in Offenbach aufwuchs und dessen Eltern aus der Türkei kommen, sind die Pläne ähnlich konkret. Der 15-Jährige möchte zur Bundespolizei und bereitet sich auf ein Praktikum im Sommer vor. Er hat recherchiert, welche Vorteile er hat, wenn er später diesen Berufsweg einschlägt: „Durch die Arbeit am Portfolio habe ich entdeckt, dass ich viel sportlicher bin, als ich gedacht hätte. Das könnte ich als Polizeibeamter beruflich nutzen. Außerdem gibt es ein sicheres Gehalt und Vorteile bei der Krankenversicherung sowie der Steuer.“ Den Ambitionen will Alim Taten folgen lassen: Er übt bereits für die Eignungstests, die vor einem Berufseinstieg zu absolvieren sind. Mehrere Optionen offenhalten möchte sich die 15-jährige Madiha Mahmood. Bei einer Betriebsbesichtigung im Sheraton-Hotel und während eines Praktikums in der Neurologie des Sana-Klinikums merkte sie, dass sie sich auf mehreren Gebieten wohlfühlt. Deshalb möchte auch sie ein Praktikum bei der Bundespolizei nachlegen. „Ich bin ein sehr familiärer Mensch, helfe gern im Haushalt und unternehme viel mit meinen Cousinen, Nichten und Neffen“, erzählt Madiha. „Jetzt weiß ich, dass ich kommunikative Stärken habe, die ich später nutzen kann. Durch die Arbeit am Portfolio haben wir uns nicht nur in der Klasse besser kennengelernt, sondern ich habe ebenso angefangen, mit meinen Eltern über die Vergangenheit unserer Familie in Pakistan und meinen späteren Berufsweg zu sprechen.“

Schulabschluss 2015: Gruppenbilder aus der Region (Teil 1)

Dass Jumina solche Früchte trägt, macht die Macher stolz: „Es ist einmalig, dass sich Schulen in Zusammenarbeit mit einer Migrantenorganisation wie dem CGIL-Bildungswerk dem Thema Interkulturalität öffnen. So schaffen wir es, den Worthülsen aus Lebensläufen – zum Beispiel, dass jemand kommunikativ und flexibel sei – ein Fundament zu geben, das diese Eigenschaften belegt. Eben, weil wir die Aufgaben, die verschiedene kulturelle Milieus mit sich bringen, sichtbar machen können“, erzählt Fortunato. Ein Einschätzung, die Peter Bieniußa, Leiter des Staatlichen Schulamts für die Stadt und den Kreis Offenbach, durchaus teilt: Die Mehrzahl der Offenbacher Jugendlichen bringe von Haus aus ein hohes Maß an interkultureller Kompetenz mit. Zudem engagierten sich viele ihnen schon von Klein auf innerhalb der Familie, wenn sie zum Beispiel Übersetzungen bei Behördengängen übernähmen. „Diese besonderen Kompetenzen und dieses Engagement muss die Schule aufgreifen.“

Franco Marincola, Vorsitzender des CGIL-Bildungswerks, sieht gar das Potenzial, Modell für viele weitere Projekte zu stehen: „Wir glauben, dass die Offenbacher Schulen durch die Anerkennung von interkultureller Kompetenz und durch die Einführung des Schülerportfolios interkulturell ein Vorbild für ganz Deutschland darstellen.“

Schulabschluss 2015: Gruppenbilder aus der Region (Teil 2)

Rubriklistenbild: © Wachter

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