Hilfe von Anfang an

+
Koordinatorin Ingrid Wagner freut sich, dass Professor Markus Rose, Chefarzt der Kinderklinik, Pate von Wellcome ist.

Offenbach - Manchmal sind junge Eltern einfach überfordert. Das Baby verlangt die ganze Aufmerksamkeit, der Haushalt will gemacht sein, das Geschwisterkind ist eifersüchtig. Gut, wenn Familie und Freunde helfen können. Doch heutzutage ist das keine Selbstverständlichkeit. Von Veronika Schade 

Fühlen sich Eltern der Situation nicht gewachsen, steigt die Gefahr von Kindesvernachlässigung und -misshandlung. Damit es erst gar nicht so weit kommt, wurde 2002 das bundesweite Projekt Wellcome gegründet: Ehrenamtliche Mitarbeiterinnen unterstützen junge Familien im Alltag, helfen bei der Versorgung der Kinder, begleiten bei Arztbesuchen, ermöglichen den Eltern Erholungspausen. Seit 2010 gibt es das Projekt in Offenbach, Sitz ist das Haus der Evangelischen Familien-Bildungsstätte (Kirchgasse 17). Derzeit betreuen zehn ehrenamtliche Frauen neun Familien mit unterschiedlichen Schicksalen: einige Alleinerziehende, eine krebskranke Mutter, eine Familie mit fünf Kindern und junge Eltern von Drillingen. Zwei Ehrenamtliche besuchen die Letzteren zwei- bis dreimal pro Woche für mehrere Stunden. „Diese Eltern sind völlig erschöpft, sie schlafen währenddessen“, berichtet Ingrid Wagner.

Die Wellcome-Koordinatorin verzeichnet immer mehr Anfragen von Mehrlingseltern und kritisiert, dass diese keine Unterstützung von den Krankenkassen erhalten: „Es heißt immer, Deutschland braucht mehr Kinder. Dabei verhält es sich überhaupt nicht kinderfreundlich.“ Viele Familien benötigen dringend Hilfe, doch nur wenige suchen sie von sich aus. „Es ist wichtig, dass andere Personen dazwischengeschaltet sind“, weiß Wagner. Meist vermitteln Hebammen, Ärzte oder Beratungsstellen, wenn ihnen Probleme auffallen. Eine wichtige Vermittlungsfunktion hat das Sana-Klinikum Offenbach. „Ich habe bei meinen Stationsbesuchen immer Flugblätter von Wellcome dabei“, sagt Professor Markus Rose, Leiter der Kinderklinik. Der Nachfolger von Professor Nader Gordjani hat sich entschieden, das Projekt als Pate zu unterstützen. „Es ist eine entgegengestreckte Hand, eine Hilfe zur Selbsthilfe“, erklärt er. Denn ein großer Teil der Offenbacher Bevölkerung sei für Angebote des Jugendamts kaum erreichbar. „Sie haben Misstrauen vor allem, was mit Ämtern zu tun hat“, so Rose. „Die Frage ist: Soll man sie ins Loch fallen lassen oder nach neuen, unbürokratischen Lösungen suchen?“

Eine solche unbürokratische Lösung ist Wellcome. Zusätzlich will das Sana-Klinikum demnächst in Zusammenarbeit mit dem Jugendamt eine Müttersprechstunde anbieten, die ebenfalls präventiv arbeitet. Wie wichtig es ist, Kindern von Geburt an ein sicheres, geborgenes und liebevolles Umfeld zu bieten, beobachtet der Arzt täglich in seinem Beruf. „Ein Drittel der Kinder, die als Patienten zu uns kommen, hat psychosomatische Beschwerden.“ Die hätten oft damit zu tun, dass die Kinder entkoppelt von jeder emotionalen Zuneigung aufwachsen. Viele der Wellcome-Ehrenamtlerinnen bleiben sozusagen als Ersatztanten in den Familien, auch wenn der vereinbarte Zeitraum vorbei ist. „Die Bindung ist so groß, dass sie die Kinder weiter begleiten möchten“, sagt Wagner. So benötigt das Projekt immer wieder neue Betreuerinnen. Vor allem aber fehlt es an Geld. „Die ersten Jahre haben wir noch Anschubfinanzierung vom Sozialministerium bekommen, jetzt finanzieren wir uns ausschließlich über Spenden.“ Die Familien zahlen höchstens fünf Euro pro Stunde, viele nehmen die Hilfe kostenlos in Anspruch. Jede Spende ist willkommen.

Kommentare