Projektwoche zum Thema Holocaust

Das Lachen nicht verlernt

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Zeitzeugin Edith Erbrich zieht Theodor-Heuss-Schüler mit ihrer Erzählung in den Bann. Am 8. Mai 1945 wurde das Konzentrationslager Theresienstadt von der Roten Armee befreit. Wie sie aus sichergestellten KZ-Akten erfuhr, war für den 9. Mai ihre Hinrichtung geplant: „Ich sollte eigentlich nicht mehr hier sein.“

Offenbach - Die Schüler sind mucksmäuschenstill. Gebannt lauschen sie der Erzählung von Edith Erbrich. Die 76-jährige Langenerin ist Zeugin einer Zeit, die Jugendliche nur aus dem Unterricht oder Filmen kennen. Als Kind überlebte sie das Konzentrationslager Theresienstadt. Von Veronika Schade 

Gestern ist sie zu Gast in der Theodor-Heuss-Schule. Es ist der Auftakt der Projektwoche, innerhalb der sich die Klasse 11c des beruflichen Gymnasiums mit einem ernsten Thema beschäftigt: „Was geht uns das noch an? Die Shoa und die Spuren der NS-Zeit in der Gegenwart“. „Die Projektidee entstand bei der Lektüre von ,Der Vorleser‘ von Bernhard Schlink“, erläutert Deutschlehrer Stefan Falcione. „Das Buch hat bei der Klasse viele Emotionen hervorgerufen.“

Auch der Bericht der Zeitzeugin ist harte Kost. Erbrich verheimlicht und beschönigt nichts. Die häufige Ausrede ihrer Zeitgenossen, man habe „davon nichts gewusst“, lässt sie nicht gelten. „Wir wurden doch auf der Straße bespuckt und geschlagen, schließlich öffentlich abtransportiert – es kann nicht sein, nichts davon mitzubekommen.“

Tochter eines Juden und einer Katholikin

1937 in Frankfurt geboren, wuchs sie im Ostend auf. Als Tochter eines Juden und einer Katholikin durfte sie nicht zur Schule gehen. Sie erschaudert bei der Erinnerung an ständige Bombenangriffe, an die Angst im Luftschutzkeller, wie sie eines Nachts verschüttet wurden und sich mit viel Glück aus den Trümmern befreien konnten: „Da muss eine höhere Macht am Werk gewesen sein.“ Eine Brandbombe zwang die Familie zum Umzug in ein Auffanglager. Die Nazis wollten ihre Mutter zwingen, sich scheiden zu lassen. Als diese sich weigerte, kam sie in „Beugehaft“. „Sie hat nie über die Hammelsgasse gesprochen“, so Erbrich. „Erst als ich ein Buch darüber gelesen habe, erfuhr ich, was für Dinge dort an der Tagesordnung waren.“ Den Ort zu besuchen ist Erbrich bis heute unmöglich.

Am 14. Februar 1945 ging eine der letzten Deportationen von Frankfurt ab. Auf der Liste stand Familie Erbrich – bis auf die Mutter, die freiwillig mitkommen wollte, was ihr aber verwehrt wurde. „Zu dieser Zeit war Auschwitz schon befreit. Wie groß muss der Hass gewesen sein, trotzdem mit den Deportationen weiterzumachen“, sagt Erbrich kopfschüttelnd. Nach vier Tagen, eingepfercht mit 40 anderen Menschen im Waggon, kam die Siebenjährige in Theresienstadt an. Sofort wurde sie von Vater und Schwester getrennt, ihr Haar abrasiert. Sie war dreckig und abgemagert. „Die miesen Kerle haben sich über unser Aussehen lustig gemacht. Ich verstehe nicht, wie Menschen so etwas fertigbringen.“

Grausamer waren die Aufseherinnen

Noch grausamer aber waren die Aufseherinnen. Die Kommunikation beschränkte sich auf das Erteilen von Befehlen, Drohungen und Strafen. Einmal musste sie stundenlang mit einer Zahnbürste den Boden schrubben. „Dabei habe ich zum Teil das Weinen verlernt.“ Wenn sie zwischendurch ihren arbeitenden Papa erspähte, habe er sie immer angelacht. Er und ihre Schwester gaben ihr die Kraft, zu überleben. „Vor allem aber prägte mich die Stärke meiner Mutter, die für uns ins Gefängnis gegangen ist“, antwortet Erbrich auf die Frage eines Schülers.

Sie erinnert sich an einen Besuch des Roten Kreuzes, bei dem die Kinder herausgeputzt und Tische voller Köstlichkeiten aufgestellt wurden. „Wir durften nichts nehmen, mussten sagen, wir haben keinen Hunger, bekommen immer so viel.“

DFB und DFL: Bewegender Auschwitz-Besuch

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In der Nacht zum 8. Mai befreite die Rote Armee Theresienstadt. „Der schönste Tag in meinem Leben“, so Erbrich. „Ich habe meinen Vater so fest gedrückt, dass er blaue Flecken bekam, damit er mir ja nicht entwischt.“ Ende Juli kam die Familie zurück nach Frankfurt. „Dort wartete unsere Mutter, unser Zuhause.“ Deshalb habe sie nie daran gedacht, Deutschland zu verlassen. Bis zur Rente arbeitete sie als Industriekauffrau. Sie lernte, über das Erlebte zu sprechen. „Meine Schwester kann es nicht. Jeder hat seine Art, damit umzugehen.“ Im April erscheint ihre Biografie mit dem Titel „Ich habe das Lachen nicht verlernt“.

Nach Theresienstadt fährt Erbrich seit 1997 fast jedes Jahr durch ein Projekt der Uni Mainz. In Schulen ist sie gern zu Gast: „Ich mache es für die, die nicht mehr darüber reden können, die einen sinnlosen Tod gestorben sind.“ Es geht ihr darum, die jungen Leute zu sensibilisieren, „damit so etwas nie wieder passiert. Egal welche Hautfarbe oder Religion – wir sind doch alle vom selben Gott erschaffen.“ Die Schüler fragen nach, sind interessiert und bewegt. Ein Gefühl, das wohl lange nachwirken wird.

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