„Wir holen uns die Kohle“

Offenbach/Frankfurt - Es ist 9.47 Uhr und sie sind wie die Flut. Sie quellen aus den S-Bahnen, sie überschwemmen die Bahnsteige, sie verstopfen die Treppen.

Ein Schwall von Lärm begleitet sie, der an eine Mischung aus brasilianischer Samba-Schule und Sioux-Überfall erinnert: Presslufthupen, Vuvuzelas, Trommeln, Trillerpfeifen, heulende Sirenen. Nichts zu tun mit Carneval und Indianern haben die Sprechchöre. „Wir sind hier, wir sind laut, weil man uns die Zukunft klaut.“

„Heut’ stürmen wir die Allianz und holen uns die Kohle!“, hallt es durch den Frankfurter Hauptbahnhof. Auch wenn es so weit nicht kommen wird - 1400 Mitarbeiter des insolventen Offenbacher Druckmaschinenherstellers „manroland“ begehen an diesem Donnerstag ihren Tag des Zorns. Des Zorns über eine nach ihrer Überzeugung verfehlte Unternehmenspolitik und des Zorns darüber, dass man ihnen von Seiten der Anteilseigner MAN und Allianz den Geldhahn zugedreht hat.

Ziel der aufgebrachten Roland-Mitarbeiter ist die Allianz-Niederlassung am Theodor-Stern-Kai in Frankfurt. Der Tag des Zorns hat früh begonnen. Kurz nach acht Uhr ruft die Erste Bevollmächtigte der IG Metall Offenbach, Marita Weber, vor dem „manroland“-Werk „die Kollegen“ dazu auf, „jetzt Druck zu machen, gegen die Anteilseigner, die sich aus ihrer Verantwortung davongestohlen“ hätten. Offenbachs Oberbürgermeister Horst Schneider (SPD) geißelt die „beschissene und konzeptionslose Wirtschaftspolitik der Landesregierung“. Seit vielen Jahren habe man dort gefordert, „Überkapazitäten sinnvoll umzubauen. Doch passiert ist nichts.“

Bilder von den Protesten der „manroland“-Mitarbeiter

Demonstration der „manroland“-Mitarbeiter

Um 8.37 Uhr greift sich Weber erneut das Megaphon: „Seid schön laut unterwegs, zeigt die Plakate!“ Und los geht‘s. Auf der gesperrten Mühlheimer Straße flackern die Blaulichter der Streifenwagen. Um 9.27 fahren in Offenbach-Ost die S-Bahnen an, ein paar Minuten später erreicht die Flut den Frankfurter Hauptbahnhof. Während der Maroniverkäufer in der Bahnhofshalle den Massen ein „Fröhliche Weihnachten“ hinterher schmettert, bringt Rainer Herth, stellvertretender Gesamtbetriebsratsvorsitzender bei „manroland“, seine Kollegen auf Betriebstemperatur. „Ich nenn‘ euch fünf Zahlen. Die erste: 480 Milliarden Euro. Das ist der Rettungsschirm für die deutschen Banken. Darunter sind auch die, die uns jetzt Kredite verweigern. Die zweite: 440 Milliarden Euro. Das ist der Europäische Rettungsschirm, für den die Völker zahlen. Die dritte: 8,24 Milliarden Euro. Das ist der Gewinn von Allianz im Jahre 2010. Die vierte: 300 Millionen Euro. Das ist die Summe, die wir für eine Weiterführung von ,manroland’ brauchen. Für die Herren bei der Allianz ist das ein Trinkgeld. Und die fünfte Zahl lautet vier: Hartz IV. Lasst uns ein paar Schreibtische besuchen!“

„Roland ist pleite, MAN kichert - hoffentlich nicht Allianz versichert“ - der Marsch über die Friedensbrücke dauert 20 Minuten. Es wird ein imposanter Zug, mit sehr vielen jungen - aber auch vielen zerfurchten Gesichtern. Darunter ist auch Franz (20), der nächste Woche seine Prüfung als Industriemechaniker machen will. „Natürlich ist das alles ein Schock“, sagt er. Besonders für die Auszubildenden, die erst am Anfang stünden und jetzt hoffen müssten, über die Industrie- und Handelskammer eine Ersatz-Ausbildungsstelle zu bekommen. „Aber wir sind halt sehr viele, da wird es schwierig.“

„Beschissenes Spitzenpersonal“

Die Stimmung um ihn herum ist gedämpft - und das ist noch geschmeichelt. Einige sind verbittert, ohne rechte Hoffnung. Man habe zu lange gewartet. Das alles sei absehbar gewesen. Jetzt komme es darauf an, einen Investor für das Werk in Offenbach zu finden, heißt es bei vielen. „Das heute hier ist symbolisch und bringt wenig“, sagt einer aus der Elektronik-Entwicklung. Seine Stimmung sei Note 3 bis 4. „Glatte 5“, fährt sein Kollege dazwischen. Die Ausgliederung des Bogendruckbereichs sei ja schön und gut. „Aber das beschissene Spitzenpersonal bleibt das gleiche.

„Der kleine Mann zahlt, die Großkopfeten stoßen sich gesund.“ Manche, meint ein anderer, der in der Produktion arbeitet, hätten schon ihren Spind ausgeräumt. Ein 51-Jähriger aus der Fertigung: „Es sollte viel mehr Wut geben.“ Um 10.30 Uhr sind die „Roländer“ angekommen. Zu dieser Zeit patrouilliert vor der edlen Lobby der Allianz lediglich ein kompakter Herr in Zivil. Er erinnert an jene ferngesteuerten Raupenfahrzeuge, die bei der Entschärfung von Sprengstoff-Koffern eingesetzt werden. Er versucht zunächst wacker, einen „Roländer“ die Stufen hinabzudrängen. Lässt das aber schnell bleiben. Denn die Besucher aus der Nachbarstadt werden langsam richtig sauer. Ein gellendes Pfeifkonzert bricht sich an den viele Meter hohen verglasten Wänden. „Pfui!“-Rufe erschallen, „Wir sind hier, um uns das Geld zu holen!“

Bengalos und Böller

Kanonenschläge explodieren, eine Bengalo-Fackel gleißt. Fäuste lassen blankpoliertes Glas beben. „Hier ist einer derjenigen Anteilseigner zu Hause, die ein Schweinegeld mit Roland verdient haben. Aber das sind Herrschaften, denen 1900 Arbeitnehmer, eine Firma, eine Stadt und eine ganze Region am Arsch vorbeigehen.“ Ja, der stämmige Chef der IG Metall Frankfurt, Armin Schild, sagt „Arsch“. Die Leute zucken zusammen, aber nur, weil wieder ein Kanonenschlag hochgegangen ist. Seit Jahren, so Schild, habe die Arbeitnehmerseite Vorschläge gemacht, wie eine Zusammenarbeit auf dem Druckmaschinenmarkt funktionieren und das Sortiment zukunftsfest gemacht werden könne - vergeblich. Nun wolle man sich „verpissen“ und die Firma, die Spitzenprodukte biete, in die Insolvenz treiben. „Der Betrag, um den es geht, haben die als Jahresgehalt“, schäumt der IG Metall-Chef. „Die einen sitzen in ihren Villen, die andern gehen zum Arbeitsamt.“ So gehe das nicht weiter.

Drei Forderungen formuliert Schild: Erstens eine Unternehmensperspektive von Seiten des Allianz- und MAN-Konzerns, zweitens Unterstützung durch die beteiligten Banken, die durch den Handel mit „bunten Papierchen“ in den zurückliegenden Jahren Milliarden verbrannt hätten, während sie Leuten, die reale Werte schaffen würden, die Zukunft zerstörten. Und drittens eine Landesregierung, die endlich aktiv werde statt auf Zeit zu spielen. „Wir sind keine Bettler, wir wissen, wie es geht und dass es geht“, so Schild, der die „Roländer“ zu einem langen Atem aufruft. Hinten im Zug fährt ein verschrammter schwarzer Mercedes Kastenwagen von „Occupy-Frankfurt“ mit Peace-Zeichen. „Der war vor 30 Jahren beim Protest gegen die Startbahn 18-West dabei“, sagt Harry und lässt Ramsteins „Links 2, 3, 4“ über die Lautsprecher dröhnen. In Sachen langer Atem kann man halt immer noch was lernen.

Rubriklistenbild: © op-online.de/Faust

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