Handkäse über den Main schleudern

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Gerhard Plath zeigt stolz die Wurfmaschine, die er nach Plänen Leonardo da Vincis rekonstruiert hat – allerdings in einer etwas kleineren Ausfertigung. Ein Probeschuss ist für kommenden Dienstag in Bürgel geplant.

Offenbach - Die Bürgerinitiative Zukunft Fechenheim rechnet es vor. Durch die zusätzliche Anlage auf dem Gelände der Allessa-Chemie würden jährlich 45.000 Tonnen Kohlendioxid, 200 Tonnen Schwefeldioxid, 96 Tonnen Stickoxide, zwei Tonnen Staub und zwei Kilogramm Quecksilber hinzukommen. Von Martin Kuhn

Bekanntlich kennen diese Stoffe keine Stadtgrenzen. Der Offenbacher Protest darf jedoch als überschaubar bezeichnet werden. An einer Protestkundgebung der übermainischen BI beteiligt sich eine kleine Abordnung des SPD-Ortsvereins. Die nahezu kampflose Kapitulation vor der Dreckschleuder wurmt Gerhard Plath. So ist irgendwann die Idee geboren: Wir schleudern zurück – und zwar Offenbacher Stinker. Wer den Architekten mit Faible fürs Altertum und alte Sachen kennt, weiß sofort, dass er sich dazu etwas ganz Besonderes einfallen lässt.

Plath hat sich in Offenbach mit Verdiensten um die Rettung des Rumpenheimer Schlosses einen Namen gemacht. Er nimmt an Ausgrabungen der minoischen Kultur teil, wird geschätzt als Spezialist für baukonstruktive Erkenntnisse. Seit vergangenem Jahr ist der Bürgeler in ein Projekt des Archäologischen Instituts der Universität Heidelberg eingebunden: die maritime Kultur der bronzezeitlichen Ägäis.

Das ist in der Heidelberger Ausstellung „Inseln der Meere“ bis Mitte Juli zu sehen. Der Mann, der Konstrukteurs- und Handwerkskunst unserer Ahnen schätzt und sie oft als wegweisend bezeichnet, hat also wieder einmal tief gewühlt, um den stillen Protest anschaulich zu machen.

Stinkenden Handkäse auf Baustelle schleudern

Die Geschichte der Konstruktion, die am kommenden Dienstag, 28. Juni, um 15 Uhr auf dem Gelände des Wassersportvereins Bürgel erprobt wird, ist schnell erzählt: Langjährige Gedanken um die Erfindungen von Leonardo da Vinci (1452 – 1519) führten Gerhard Plath zu dem Entschluss, eines seiner Katapulte nachzubauen. Über den Sinn und Zweck einer solchen Rekonstruktion wird im Freundeskreis der Bürgeler Weinstube lange gestritten. Bis eines Tages der entscheidende Spruch fällt: Ihr werdet mit einem solchen Katapult nicht mal einen Handkäs über den Main schleudern. „Das war eine echte Herausforderung“, erinnert sich Plath.

Das wirft sofort die Frage auf: Warum sollte man einen Handkäs über den Main werfen? Den Anlass serviert nun das Fechenheimer Unternehmen – sozusagen mundgerecht. Um den Weg durch die Instanzen abzukürzen, spannt Plath Leonardo da Vinci ein und ersinnt die Handkäs-Schleuder. Mit zielgenauer Katapulttechnik sei die Entsorgung von stinkendem Handkäs auf die Baustelle möglich. „Dann würde es dort drüben genauso stinken, wie die es uns antun wollen. Darüber hinaus könnten mit zielgenauen Treffern die Abluftöffnungen mit Handkäs geschlossen werden“, sinniert der Architekt.

Leonardo da Vincis Entwurf wurde bereits rekonstruiert

Nach dem Studium einschlägiger Fachliteratur entstanden erste Zeichnungen und Berechnungen. Nach Plaths Recherchen ist in der Fachwelt umstritten, ob die Katapulte da Vincis überhaupt funktioniert haben. Einige Rekonstruktionsversuche von Lehrstühlen diverser Hochschulen (etwa in Bielefeld) beschränken sich aber auf Anschauungsmodelle im Maßstab 1:10 bis 1:20.

In jüngerer Zeit werden Entwürfe Leonardo da Vincis aber für moderne Bauwerke umgesetzt. „So gibt es eine Leonardo-da-Vinci-Brücke bei Oslo, die nach seinen Skizzen gebaut wurde und bei der Funktionalität mit großer Schönheit vereinigt ist. Eine Leonardo-Brücke, die ohne mechanische Befestigung auskommt, wurde 2005 vorübergehend in Freiburg im Breisgau aus Holz errichtet“, ist etwa auf der freien Internet-Enzyklopädie zu erfahren.

Die spärlichen Zeichnungen des italienischen Malers, Architekten und Ingenieurs „sind in isometrischer Technik gezeichnet, sie sind äußerst detailgetreu“, erläutert Gerhard Plath. „Man kann gut erkennen, dass das Zimmermanns-Konstruktionen sind. Mit einer Querschnittszuweisung ist die Größenbestimmung leicht möglich.“ Nach den Berechnungen des Bürgelers waren die Katapulte etwa 2,5 Meter lang und 1,50 Meter hoch; der eigentliche Wurfarm hatte demnach eine Länge von annähernd 5 Meter.

Handkäs-Schleuder mit 2,20 Meter langem Wurfarm

Das, was Plath mit freundlicher Unterstützung in seiner Werkstatt gebaut hat, ist allerdings eine Nummer kleiner, wenn auch von beeindruckendem Maß: Die Handkäs-Schleuder ist in halber Größe konstruiert, der Wurfarm hat eine Länge von 2,20 Meter. Nach Literaturangaben wurden diese Katapulte zerlegt auf Fuhrwerken zum Einsatzort gebracht und dort zusammengebaut. „Dementsprechend ist auch die Handkäs-Schleuder komplett zerlegbar. Ich werde den Aufbau auch am Dienstag so zeigen“, verspricht er in seiner Werkstatt.

Vielleicht sind auch die Offenbacher Handwerksbetriebe dabei, ohne die es wohl nichts geworden wäre mit dem imposanten Nachbau. Die Zimmerei Oakland (wesentlich beteiligt am Bauprojekt, das den Offenbacher Denkmalschutzpreis 2010 erhielt) hat die Trommel auf der hauseigenen Drehbank gefertigt. Das Holz kommt natürlich aus dem Stadtwald: „Der Dank gilt auch dem Revierförster Viktor Soltysiak.“ Das astfreie Tannenholz für die Spannarme hat die Rumpenheimer Schreinerei Lacher geliefert, die die Druckerpresse von Gutenberg für ein Museum in Tokio rekonstruierte.

Kein Kümmel zum Handkäs'

Auch über die Munitionierung hat sich Plath seine Gedanken gemacht. In der heimischen Küche hat er mit Ehefrau Maria einen Handkäs’ vom Ockel gewogen und vermessen. In kleinen Plastikbeuteln formt er aus Holzspänen, verdickt mit Wasser, die handtellergroßen Geschosse nach; die Demonstration in der Werkstatt belegt die Funktionalität der gesamten Konstruktion und zeigt: Die Fechenheimer Kraftwerksbauer können sich auf einiges gefasst machen.

Mit einem Augenzwinkern fügt er noch schnell hinzu, dass es, im Gegensatz zum üblichen Verzehr, eine reduzierte Attacke gibt: „Kümmel kann seine appetitanregende und Verdauung fördernde Wirkung nicht auf frei fliegendem Handkäse entfalten. Deshalb verzichten wir drauf.“

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