Protest verträgt Geselligkeit

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Das schöne Wetter lockte wieder besonders viele Besucher zur Maiveranstaltung der Gewerkschaften vor das Isenburger Schloss: Dort spielte die Band Roxone Soul-Klassiker und Party-Hits. Für Kinder gab es lustige Luftballon-Tiere und für die Erwachsenen viel Zeit zum Reden, Trinken und Essen.

Offenbach - Sozialabbau, Lohnkürzungen und Privatisierung standen im Mittelpunkt der Kritik der Gewerkschaft bei der Kundgebung am 1. Mai. Von Denis Düttmann

Carmen Ludwig, stellvertretende Landesvorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, sprach von einer tiefgehenden Krise des Kapitalismus und erklärte das Konzept der deregulierten Wirtschaft für gescheitert. „Die gegenwärtige Wirtschaftskrise hat deutlich gemacht, dass zügellose Märkte, wie sie seit Jahrzehnten propagiert werden, kein Erfolgsrezept sind“, sagte die wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Gießen. Das Versagen der Manager dürfe nicht zu Lasten der Gesellschaft gehen. „Es muss Schluss damit sein, dass Gewinne privatisiert und Verluste sozialisiert werden.“

Der Kreis Offenbach habe als Hochburg der Öffentlich-Privaten Partnerschaft in ganz Deutschland zweifelhafte Berühmtheit erlangt. Die Privatisierung des Schulbetriebs habe sich als Kostenfalle herausgestellt - von Jahr zu Jahr müsse die Verwaltung höhere Mieten an das private Konsortium zahlen. „Der kurzfristigen Entlastung der Haushalte stehen explodierende Kosten in den kommenden Jahren gegenüber“, kritisierte Ludwig. Die Gewerkschafterin plädierte dafür, öffentliche Güter auch in Zukunft in der öffentlichen Hand zu halten und mit der verantwortungslosen Politik der Privatisierungen Schluss zu machen.

Der Tag der Arbeit ist in Offenbach jedoch traditionsgemäß nicht nur Anlass für scharfe politische Attacken, sondern auch eine Gelegenheit, sich mit Freunden und Kollegen zu treffen, das eine oder andere Bier zu trinken und über Privates zu plaudern. Nach getaner gewerkschaftlicher Protestpflicht stand beim Fest am Isenburger Schloss die Geselligkeit im Vordergrund. Die Band Roxone spielte soulige Rockmusik, der Duft von Bratwürsten zog über den Platz und frühsommerliche Sonnenstrahlen wärmten die Besucher. „Der 1. Mai hat bei uns Tradition“, sagte Sabine Trawes. „Die Demonstration gehört dazu, aber danach machen wir uns einen schönen Tag.“ Mit einer Freundin und den Kindern steht nach dem Fest noch eine Radtour nach Seligenstadt auf dem Programm. „Natürlich werben wir an einem solchen Tag für unsere Positionen und versuchen mit den Menschen ins Gespräch zu kommen“, erklärte Markus Philippi, Betriebsrat-Vorsitzender von GKN Driveline. „Aber alles findet in lockerer Atmosphäre statt - das ist das besondere hier.“ Mit einer Umfrage will die IG Metall herausfinden, was für die Menschen ein gutes Leben ausmacht. „Die Ergebnisse fließen in unsere Kampagne zur Bundestagswahl ein“, erläuterte Philippi.

Einen zufriedenen Eindruck macht Raimund Winkler. Der ehemalige Mitarbeiter im städtischen Jugendamt ist mit seiner Frau ans Isenburger Schloss gekommen - teils aus Pflichtgefühl, teils um sich wieder einmal mit den alten Kollegen zu treffen. „Seit ich nicht mehr berufstätig bin, sieht man sich ja nicht mehr so häufig. Der 1. Mai ist für mich ein fester Termin, um Kontakte zu pflegen.“ Als Gewerkschaftsmitglied sei es außerdem Ehrensache, am Tag der Arbeit für die Rechte der Arbeitnehmer auf die Straße zu gehen. So kommen am 1. Mai Protestkultur und Geselligkeit, politische Argumente und persönliche Gespräche zusammen - und alle vertragen sich prächtig.

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