Prozess am Amtsgericht

Gedealt statt abgeschoben

Offenbach - Dumm gelaufen ist es für einen Marokkaner, als er mit Taschen voller Kokain versehentlich einen Polizisten anrempelte. Wie sich herausstellte, war er zur Abschiebung ausgeschrieben. Nun wurde der Fall am Amtsgericht verhandelt. Von Veronika Schade

Da muss auch ein erfahrener Richter wie Manfred Beck den Kopf schütteln. Denn in den langsam mahlenden Amtsmühlen ging wohl einiges schief. Sonst würde ihm wohl gestern am Offenbacher Amtsgericht Najim M. nicht als Angeklagter gegenübersitzen. Der wurde vor zwölf Jahren vom Ausländeramt Wiesbaden zur Abschiebung ausgeschrieben. Die Gründe dafür gehen aus den Beck vorliegenden Unterlagen nicht hervor. Offenbar ist er danach abgetaucht, zur Abschiebung kam es nie.

In der Zwischenzeit sieht das Wiesbadener Amt keinen Ausweisungsgrund mehr, denn diese war befristet, da er ohnehin nach acht Jahren hätte zur Familie wiedereinreisen dürfen. Das Ausländeramt Offenbach sieht keine Möglichkeit, M. in Abschiebehaft zu nehmen. So stelle Marokko in angemessener Zeit keine Ersatzpapiere zur Verfügung, Hessen habe zudem keine Abschiebehaftanstalt. So bleibt Richter Beck nichts anderes übrig, als die Verhandlung gegen den 37-Jährigen zu eröffnen, der seit November vergangenen Jahres in Untersuchungshaft sitzt.

Der Handel mit Kokain in nicht geringer Menge wird dem kahlköpfigen Mann in schwarzer Bomberjacke zur Last gelegt. 64 Gramm des Stoffes, portionsweise abgefüllt in einem gelben Überraschungsei-Döschen, soll er mit sich geführt haben, als er an der Ziegelstraße mit dem Fahrrad einen Polizisten am Arm rammt, der dort gerade mit einem Kollegen ein Gebäude verlässt. Die Polizisten nehmen seine Personalien auf. Dabei wird er nervös, verzettelt sich bei Angaben zum Wohnort. Als die Beamten die „Bömbchen“ finden, versucht er kurz zu fliehen, lässt sich dann aber ohne Gegenwehr festnehmen. Auf dem Revier zeigt sich, dass er 930 Euro Bargeld mit sich führt und einen gefälschten Ausweis auf einen anderen Namen. „Dabei wäre das gar nicht mehr nötig gewesen, die Frist für seine Ausweisung war schon abgelaufen“, merkt Beck an.

Kiffen, Koksen und Saufen bei den Stars

Über seinen Verteidiger räumt Najim M., der auf Nachfrage klarstellt, dass dies sein richtiger Name sei, die Tat ein. Allerdings habe er die Drogen nicht verkaufen wollen, sondern sie einer dritten Person bringen sollen. Deren Namen will er ebenso wenig verraten wie den Übergabe-Ort. Das Geld in seiner Tasche habe nichts damit zu tun, für den Transportdienst sollte er 50 Euro erhalten. So plädiert der Verteidiger auf Beihilfestrafbarkeit mit sieben Monaten auf Bewährung, das Geld sei M. freizugeben.

Richter Beck folgt dem Staatsanwalt, der vom Handeltreiben ausgeht, wofür die Stückelung der Drogen spreche. Mit einer Freiheitsstrafe von einem Jahr und acht Monaten, ausgesetzt auf vier Jahre auf Bewährung, geht sein Urteil sogar über das im Plädoyer geforderte Strafmaß hinaus. Zudem muss M. 250 Stunden gemeinnützige Arbeit leisten und die Verfahrenskosten tragen. Er bekommt einen Bewährungshelfer. Beck: „Sie kriegen eine Chance, nutzen Sie sie!“

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Rubriklistenbild: © picture alliance / dpa

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