„Wir ertrinken, oh Gott“

Offenbach ‐ Nur Wortfetzen sind zu verstehen, als am 8. Dezember 2008 gegen 4.15 Uhr via Handy ein Notruf bei der Polizei eingeht: „Im Main in Offenbach“, hört die Beamtin eine männliche Stimme schreien. Im Hintergrund Geräusche von Panik, ein Mädchen ruft: „Wir ertrinken, oh Gott“. Sekunden später bricht die Verbindung ab. Von Matthias Dahmer

Das Protokoll des Todes trägt die Verkehrsunfallnummer 1456872/08. Es wird gestern beim dritten Verhandlungstag gegen Okan Y., den Fahrer des schweren BMW, in dem an diesem kalten Dezembermorgen zwei 17-Jährige ums Leben kommen, nur verlesen. Eigentlich existiert eine CD vom Notruf, sagt eine die Verhandlung umsichtig führende Richterin Zoschke. Mit Rücksicht auf die als Nebenkläger auftretenden Eltern der Mädchen werde aber auf das Vorspielen verzichtet. Auch so ist die bruchstückhafte Beschreibung des Geschehens in dem im Main versinkenden Wagen erschütternd genug.

Das ist bisher passiert:

Zeugen der Todesfahrt

Prozess um Todesfahrt

Der 23-jährige Angeklagte verfolgt die Verhandlung in Saal 103 des Amtsgerichts auf einer Liege. Nach Entfernung einer Fistel haben ihm die Ärzte zwar Verhandlungsfähigkeit attestiert, stundenlanges Sitzen sei ihm jedoch nicht möglich. Im Gegensatz zum ersten Prozesstag, wo er noch durch Macho-Gehabe auffällt, gibt er sich mittlerweile ein wenig geläutert. Dazu passt, dass sein Verteidiger Uwe Lipphardt eine Erklärung für ihn abgibt, die begründen soll, warum Okan Y. zum direkten Unfallgeschehen bislang so wenig gesagt hat. Sein Mandat, sagt Lipphardt, habe aufgrund seiner Erziehung und als einziger Sohn der den türkischen Traditionen verhafteten Familie „ernsthafte Probleme“, seine Gefühle zu zeigen. Er sei in Leandra verliebt gewesen, die Liebe sei von ihr erwidert worden und es habe sich eine feste Beziehung angebahnt.

„Großer, schrecklicher, furchtbarer Unfall“

Mit Rücksicht auf die Eltern der Mädchen, so der Anwalt des Angeklagten weiter, habe Okan Y. bisher geschwiegen. Lipphardt schildert für seinen Mandanten das Geschehen unmittelbar vor dem Unfall wie folgt: Die Mädchen, sein Cousin und er seien auf den Parkplatz gefahren, um Musik zu hören, zu reden und zu schmusen. Die Stimmung sei entspannt gewesen, von einem Rennen mit einem anderen Autofahrer oder Schleuderübungen könne keine Rede sein. Weil er Angst gehabt habe, dass seine Mutter es riechen könnte, sei Okan Y. verärgert darüber gewesen, dass die Mädchen auf dem Rücksitz einen Joint geraucht hätten; es sei übrigens nicht der erste an dem Abend gewesen. Der Angeklagte habe an dem Abend keine Drogen konsumiert.

Leandra hinter ihm habe ihn beruhigen wollen, und deshalb ihre Seitenscheibe geöffnet. Trotzdem habe sich Okan Y. aus Ärger mehrfach umgedreht, dabei habe er möglicherweise den Bauzaun übersehen, den er dann mit seinem Auto durchbrach, bevor er im Main landete. „Für meinen Mandanten stellt sich das alles als ein großer, schrecklicher, furchtbarer Unfall dar“, so der Anwalt. Er kündigt an, Okan Y. werde sich in seinem Schlusswort bei den Eltern der Mädchen entschuldigen.

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