Prozess vor dem Schwurgericht

Beziehungsdrama endet im Blutbad

Offenbach - Schläge, Drohungen, Trennung und Versöhnung – Fälle von häuslicher Gewalt laufen oft jahrelang nach dem selben Schema ab. Im äußersten Fall landen sie vorm Schwurgericht, so wie der des Angeklagten Udo K. (41) und seiner Ex-Lebensgefährtin S. M. (36). Von Silke Gelhausen-Schüßler

Dort erlebt der vorsitzende Richter Volker Wagner in einem Prozess um versuchten Mord immer wieder, wie sich dieses Schema eines Beziehungstäters auf der Anklagebank fortsetzt: Die Frau hat ihn provoziert und angegriffen, ist ja eigentlich selbst schuld am Unglück. Ähnliche Worte hört man auch vom arbeitslosen Udo K. , wenn er leicht stotternd erklärt, was am 26. Januar diesen Jahres in der Waldstraße passierte. Als er „seine“ Frau in einem Blutbad – das Ergebnis von 16 Messerstichen – vor den Augen der gemeinsamen Kinder und ihrer Arbeitskollegin liegen lässt und flüchtet.

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Seine Aussage ist haarsträubend, wird durch Zeugen und Spuren am Tatort widerlegt. Er spricht von viel Alkohol, den er getrunken habe, dass M. mit ihm reden wollte, weswegen er zu ihr gegangen sei; er habe noch seine Tochter mit einem Kuss zur Schule verabschiedet; dann hätten M. und ihre Kollegin auf ihn eingeschlagen; bei der Rangelei sei aus einem Regal ein rotes Täschchen mit einem großen Jagdmesser gefallen – in der Wohnung hätten immer Waffen herumgelegen; M. habe das Messer ergriffen und gesagt: „Ich stech’ dich jetzt ab, du Schwein!“; er habe ihr das Messer wegnehmen können, irgendwann sei alles voller Blut gewesen.

„Das ist der Herr K., wie er es gerne hätte, aber nicht, wie es war“, durchschaut Richter Wagner sofort. K. korrigiert: „Es fällt mir sehr schwer, vor Gericht einzugestehen, dass die Messerstichverletzungen von mir sind.“

Opfer überlebt nach elf Stunden Operation

Die Vorgeschichte lässt ebenfalls wenig Zweifel an einer erfundenen Version. Nach immer heftigeren Gewaltausbrüchen K.s trennt sich M. nach 19 gemeinsamen Jahren Ende 2011 endgültig vom Angeklagten. Der zieht in der Nähe bei seiner Mutter ein. Sie arbeitet seit einer Weile als Barfrau in einem Frankfurter Nachtclub, versorgt mit ihrem Verdienst die ganze Familie. Das macht K. wütend und eifersüchtig, er unterstellt ihr Prostitution und Männergeschichten. In der Nacht vor der Tat ruft er 57 Mal im Nachtclub an, so dass M.s Chef und ein paar Arbeitskollegen sie sicherheitshalber nach Hause begleiten. Bei ihr bleibt dann nur eine Kollegin. Weil K. immer noch einen Wohnungsschlüssel besitzt, schieben die Frauen eine Kommode vor die Tür.

Doch damit können sie ihn nicht aussperren. K. nutzt geschickt den Zeitpunkt, als die 14-jährige Tochter zur Schule gehen will, stürmt die Wohnung, schlägt ohne Vorwarnung auf M.s Kopf ein. Sie klatscht an die Wand, geht zu Boden, spürt den ersten Stich des langen Jagdmessers im Hals, sieht noch die rote Tasche, „die sonst in Udos Schrank lag“. Trotz des Geschreis von Opfer, Tochter und Kollegin lässt K. nicht von ihr ab, sticht so lange zu, bis der 17-jährige Sohn einschreitet: „Papa hör jetzt auf!“ M. stellt sich tot, K. flüchtet. Nur durch den von der Tochter sofort gerufenen Rettungsdienst überlebt M. den Tötungsversuch, sie muss elf Stunden operiert werden. Das Urteil wird diese Woche erwartet.

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