Alles ausgeräumt

Prozess gegen Einbrecherbande aus Offenbach

Offenbach - Entspanntes Auftreten trotz Anklagebank: Als sie hereingeführt werden, werfen die vier Männer neugierige Blicke ins Publikum, lächeln sich und ihre Angehörigen selbstbewusst an. Schwäche oder Unsicherheit zu zeigen ist bei den vier jungen Offenbachern wohl tabu. Von Veronika Schade

In wechselnder Besetzung haben sie von September 2012 bis Januar 2013 acht Einbrüche in Wohnungen und Geschäftsräume begangen und dabei Gegenstände und Geld im Gesamtwert von fast 80. 000 Euro erbeutet. Verdacht des bandenmäßigen schweren Diebstahls lautet gestern die Anklage vor dem Darmstädter Landgericht.

Alle vier weisen eine ähnliche Biografie auf: kein Schulabschluss, keine Ausbildung, keine Arbeit, Bezug von Hartz IV. Die 32-jährigen Zwillingsbrüder Stefan und Fred B. sind im Lohwald aufgewachsen – ihre Universalerklärung für umfangreiches Scheitern. Von „Da war es nicht so einfach, zur Schule zu gehen, das Umfeld war so, dass man mit Freunden viel Mist baut“ und „Unser Vater war auch nicht der Ruhige, er war im Knast“ bis zu „Unser Name ist bekannt in Offenbach, das merken wir immer, auch bei Polizeikontrollen“.

Sie schlugen sich mit Gelegenheitsjobs durch und „handelten ein wenig mit Schrott“, verschuldeten sich. Alkohol und Drogen spielten bei ihnen keine Rolle, im Gegensatz zu ihren Mittätern, Stiefbruder Mike S. und Freund Alija J. Beide tranken und konsumierte Kokain, insbesondere J. in großen Mengen. Dabei nahm der Lebenslauf des bosnischen Kriegsflüchtlings zunächst eine recht positive Entwicklung.

Früher verdiente der Angeklagte nicht schlecht

Als einziger des Quartetts hat er einen Hauptschulabschluss und eine begonnene Ausbildung zum Kfz-Mechatroniker. Mehrere Jahre arbeitete der heute 29-Jährige im Objektschutz und verdiente „gutes Geld“. Doch im Jahr 2006 begann er zu koksen, zunächst an Wochenenden. Später regelmäßiger, drei bis vier Gramm pro Woche. Ab Sommer 2012 „auch mal fünf bis sieben Gramm, je nachdem, wie viel Geld ich hatte“.

Seinen Job hatte er zu dem Zeitpunkt nicht mehr, war „durch Handyverträge“ um 25 000 Euro verschuldet. Zum „Runterkommen“ konsumierte er zusätzlich Alkohol und Haschisch. Vorsitzende Richterin Barbara Bunk möchte ihn begutachten lassen, obwohl der 28-Jährige behauptet, die Drogen hätten keine Auswirkung auf die Taten gehabt. Er gibt sich in allen neun ihm vorgeworfenen Fällen, bis auf einen, geständig, grundsätzlich gestehen auch Mike S. und Stefan B.

Aus Zeitgründen kann gestern jedoch nur Mike S. ausführlich aussagen. Den ersten Einbruch in eine Offenbacher Wohnung habe er spontan begangen. Er war gerade aus einer früheren Haft entlassen, als seine Lebensgefährtin ihn verlassen habe. „Für mich brach eine Welt zusammen, ich wollte nicht zu meinem Bruder ziehen, brauchte Geld.“ Der 33-jährige zweifache Vater, der in U-Haft sitzt, nahm Werkzeug aus dem Lkw, mit dem die Brüder ab und zu auf Schrottsuche fuhren, hebelte die Türen einer offensichtlich leerstehenden Wohnung auf, stahl Schmuck und eine Kamera.

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Im zweiten Fall sei er „mit dem Lkw spazieren gefahren“, als er in Neu-Isenburg beobachtete, wie ein Ehepaar mit Koffern das Haus verließ. Er kam an zwei Abenden wieder, beobachtete, wann das Licht der Zeitschaltuhr angeht. Als er sicher war, dass wirklich niemand da war, nahm er Alija J. und Stefan B. mit. Sie stahlen einen Tresor und eine Münzsammlung, teilten die erbeuteten 4500 Euro untereinander. Beflügelt von den Erfolgen, brachen sie in eine Wohnung in Oberursel ein, wo sie ebenfalls festgestellt hatten, dass die Bewohner im Urlaub waren. Es folgten Einbrüche in Jügesheim und Hainburg.

Um an Geld zu kommen, machten sie im Januar einen Raubzug durch Bayern „ohne konkretes Ziel“, der sie nach Pemfling, Burgthann und Neustadt an der Aisch führte und fast 30.000 Euro einbrachte. Mit dabei war ihr Kumpel Gerhard T., der gesondert verfolgt wird. Mike S. reagiert gereizt, als der Staatsanwalt von einer „Bande“ spricht. „Ich bin kein Mitglied in einer Bande und habe nie eine gegründet.“ Der Prozess wird am 27. September fortgesetzt. Vier Verhandlungstage sind vorgesehen.

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