Prozess gegen Ex-Mitarbeiterin

Tiefe Einblicke in Geschäfte der Städtischen Sparkasse

Offenbach - Tiefe Einblicke in die Regularien der Kreditvergabe bei der Städtischen Sparkasse gab es gestern vorm Amtsgericht. Von Matthias Dahmer 

Am dritten Verhandlungstag im Prozess gegen eine Ex-Mitarbeiterin wegen betrügerischer Kreditvergabe sagte gestern als einer der letzten von zirka 20 Zeugen der fürs Filialgeschäft zuständige Sparkassendirektor aus. Ausführlich erläuterte der 55-Jährige in seiner zweistündigen Befragung, welche Sicherungsmechanismen beider Darlehensvergabe an Neukunden greifen und wie diese in krimineller Absicht umgangen werden können. Angeklagt ist die 29 Jahre alte Bahar M., die im Mai 2010 von der Deutschen Bank zur Sparkasse wechselte und in der Filiale am Starkenburgring tätig war. Die Staatsanwaltschaft wirft ihr vor, von August 2011 bis November 2012 in insgesamt 17 Fällen im Zusammenspiel mit den jeweiligen Kreditnehmern Beträge bis maximal 15.000 Euro – bis zu dieser Summe dürfen Sachbearbeiter der Sparkasse allein entscheiden – bewilligt zu haben.

Zu diesem Zweck, so die Anklage, habe sie die Angaben in den Formularen gefälscht. So seien in manchen Fällen Beruf und Gehalt frei erfunden worden. Von der von ihr bewilligten Kreditsumme seien dann bis zu 10.000 Euro in bar direkt an die windigen und zum großen Teil mittlerweile schon verurteilten Kreditnehmer gegangen. Den Rest habe Bahar M. kassiert. Die Filiale am Starkenburgring, das hatten Zeugen zuvor ausgesagt, galt seinerzeit offenbar in gewissen Kreisen als Geheimtipp, wenn es darum ging, leicht an Kredite zu kommen. Der Gesamtschaden – die Sparkasse ist gegen Kreditausfälle nicht versichert – belief sich zunächst auf 308.000 Euro. Mittlerweile haben einige Kunden Teilbeträge zurückgezahlt.

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„Leicht an Geld zu kommen“

Der Sparkassendirektor erläuterte gestern im Zeugenstand das grundsätzliche Verfahren bei der Vergabe von Krediten an Neukunden: Zunächst wird nach Schufa-Einträgen geschaut. Dann durchläuft der Antrag ein sogenanntes Scoring, eine maschinelle Wahrscheinlichkeitsberechnung des Ausfallrisikos. Parameter sind etwa Alter, Beruf, Beschäftigungsdauer und Wohnsituation des Antragstellers. Am Ende des Scorings steht ein Ampelsystem: Bei rot muss der Filialleiter genehmigen, bei gelb und grün bleibt die Entscheidung beim Sachbearbeiter. Dritte Stufe ist eine sogenannte Kapitaldienstrechnung bei der Einnahmen und Ausgaben des Kreditnehmers gegenübergestellt werden. Letztlich fließe als nicht unwesentliches Kriterium der persönliche Eindruck des Sachbearbeiters vom Kunden, das Bauchgefühl, in die Entscheidung ein. „Die wichtigste Kreditrisiko-Minimierung ist für uns das Personal“, so der Direktor.

Auf Nachfrage räumte er ein, dass bis zu den mutmaßlichen Betrugsfällen, die der Innenrevision Anfang 2012 auffielen, den Kreditanträgen keine Gehaltsbescheinigungen beigelegt werden mussten. Kleinkredite seien ein Massengeschäft, die Städtische Sparkasse, die pro Jahr zwischen 900 und 1000 solcher Darlehen vergebe, habe das „übliche Risiko-Management“ betrieben, so der Zeuge. Erst im Februar 2012 sei die Praxis, auf Belege zu verzichten, via interner Anweisung geändert worden. Die Ausfallquote bei solchen Krediten, betonte der Direktor, liege üblicherweise bei ein bis zwei Prozent. Bahar M., betonte der Direktor, habe bis zum August 2011 ohne Fehl und Tadel gearbeitet. Es sei sogar beabsichtigt gewesen, sie zur stellvertretenden Filialleiterin zu befördern. Der Prozess vorm Schöffengericht wird fortgesetzt.

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Rubriklistenbild: © picture alliance / dpa

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