Prozess um Missbrauch: „Kinder immer willkommen“

Offenbach/Darmstadt - „Es war ein fürchterlicher Ausrutscher.“ „Ich habe keines der Mädchen angefasst.“ „Ich muss nicht bei Verstand gewesen sein.“ Ein 60-jähriger Offenbacher steht vor Gericht. Von Silke Gelhausen-Schüßler

Die Entschuldigungen, die der 60-jährige Offenbacher Baggerfahrer seiner Lebensgefährtin aus der inzwischen sechsmonatigen Untersuchungshaft schreibt, sprechen ihre eigene Sprache. Sie versucht, von wenig Verantwortung und ungünstigen Umständen zu erzählen. Die Staatsanwaltschaft sieht die Sache allerdings ein bisschen anders. Sie wirft Wolfgang K. vor, zwischen Januar und September 2011 zwei Nachbarkinder, sie waren damals drei und acht Jahre alt, sexuell missbraucht und dies zum Teil fotografiert zu haben. Seit Anfang März muss sich K. deshalb vor dem Darmstädter Landgericht verantworten.

Herumtollenden Kinder in der Nähe

Die meisten Vorwürfe streitet er ab. Eine Begebenheit räumt K. zum Prozessbeginn allerdings doch ein. Man feiert ein Grillfest unter Nachbarn, was im Sommer häufig der Fall ist. Wie üblich sind die im Hof herumtollenden Kinder in der Nähe. Die dreieinhalbjährige Nachbartochter A. spielt mit Seifenblasen. Irgendwann kippt sie K. in kindlichem Spieleifer das Seifenbrühe in den Schoß. „Da musste ich mir natürlich eine neue Hose anziehen und bin in unseren Geräte-Schuppen gegangen.“ so K. Als er sich gerade abtrocknet und umzieht, kommt die Kleine hinein.

Nur stockend spricht der Baggerfahrer weiter, will nicht so richtig raus mit den Einzelheiten. Die Vorsitzende, Richterin Andrea Röhrig, hilft seinem Gedächtnis mit Fotos auf die Sprünge, die er selbst an jenem Tag aufgenommen haben soll. Sie zeigen viel nackte Haut und eindeutige Posen. Wolfgang K. scheint seine Unsicherheitsphase überwunden zu haben, wird wieder selbstbewusster und empört sich über Richterin Röhrigs intime Fragen: „Bei Erregung sieht das anders aus! Ich war doch alkoholisiert, da geht sowieso nichts!“ Und überhaupt wäre das ja gar nicht passiert, wenn er nicht betrunken gewesen wäre.

Sexuelle Berührungen und Fotografien

Außer dem Alkohol scheinen seiner Auffassung nach auch die Kinder selbst mit verantwortlich zu sein. So schildert K. seine Sicht der Dinge: „Wenn das Tor offen stand, dann durften sie rein. Und sie sind immer wieder freiwillig gekommen.“ Er habe sie mit seinen Modellautos spielen und im eigenen Tonstudio ins Mikrofon grölen lassen.

Da man den Kindern eine Aussage vor Gericht ersparen will, werden die polizeilichen Vernehmungsprotokolle verlesen. Beide berichten darin von sexuellen Berührungen und Fotografien. Die Aussage der älteren N., die nicht auf den sichergestellten Fotos abgebildet ist, wird von K. als Lüge abgetan. Als „aufgeschlossen, hilfsbereit und freundlich“ beschreiben gestern die Nachbarn den Angeklagten einstimmig. Nur wenn er Alkohol getrunken habe, habe sich seine Persönlichkeit verändert. Hauptsächlich habe darunter seine Lebensgefährtin leiden müssen.

Veränderung schon vorher aufgefallen

Die berichtet: „Wir hatten acht Jahre eine gute Beziehung, bis er in den letzten Monaten zunehmend getrunken hat. Dann hat er mich immer wieder aggressiv verbal angegangen.“ Von den Vorfällen mit den Kindern wisse sie nichts. „Die waren am Wochenende den ganzen Tag bei uns im Hof, so dass es mir schon manchmal zu viel wurde. Wolfgang hat aber oft mit ihnen gespielt.“ In einem Punkt ist sie sich absolut sicher: „Wenn er keinen Alkohol getrunken hätte, wäre das nicht passiert.“

Zeugin H. ist indes bei dem Angeklagten eine große Veränderung schon vorher aufgefallen, vor zwei bis drei Jahren müsse das gewesen sein: „Seit dieser Zeit hatten wir mehr Kontakt zu ihm. Das war ungefähr, als die drei Kinder meines Freundes zu uns zogen. Da hat sich unser Verhältnis positiv entwickelt.“ Nachbar E. von gegenüber, der gestern ebenfalls als Zeuge gehört wird, bestätigt die Aussage von H.: „Kinder waren bei K. immer willkommen.“ Die Plädoyers und das Urteil im Missbrauchsprozess sind für den 17. April vorgesehen.

Rubriklistenbild: © Michael Grabscheit/pixelio.de

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