Prozess am Landgericht Darmstadt

Vergewaltigung? Gericht hört unterschiedliche Versionen

Offenbach - Geschah es einvernehmlich oder unter Zwang? In einem Prozess um Vergewaltigung vor dem Landgericht Darmstadt, der gestern begann, können die Versionen des Angeklagten und der Nebenklägerin unterschiedlicher kaum sein. Von Silke Gelhausen-Schüßler 

Schmales Gesicht, schmächtiger Typ. Kein Schönling, aber nicht unattraktiv. Mit den klassischen Attributen eines Frauenhelds scheint er nicht übermäßig gesegnet zu sein. Trotzdem beruft sich Nuno L. (31) vor der 12. Strafkammer auf die Wirkung dieser Eigenschaften. Denn er sitzt seit gestern wegen des Vorwurfs der Vergewaltigung auf der Anklagebank. Laut L. ist es eine völlig irrsinnige Anschuldigung. Er habe nämlich das vermeintliche Opfer, eine 43-jährige Offenbacherin, etwa eine Woche vor der Tat im Cinemaxx kennengelernt und seitdem mehrmals mit ihr im öffentlichen Raum einvernehmlichen Sex gehabt.

In ihren jeweiligen Wohnungen hätten sie sich zwar nicht getroffen, aber am besagten frühen Morgen des 19. April 2015 in einer Grünanlage an der Kettelerstraße in Bürgel. Der Portugiese erklärt: „Wir hatten uns am Kreisel verabredet, sind kurz zu einem kleinen Park gelaufen. Dort kam es dann zum Oralsex.“ Danach habe er ihr dann gebeichtet, dass er in Brasilien eine Freundin habe, die schwanger sei. „Da hat sie mich geohrfeigt und als Hurensohn beschimpft!“, so der Angeklagte. Damit sei für ihn die „Beziehung“ beendet gewesen, was er ohnehin vorgehabt habe. Auf weitere SMS und Whats-App-Nachrichten ihrerseits habe er nicht mehr reagiert. Zwei Wochen später sei er dann erst zu seiner Mutter nach Boston, dann zu besagter Freundin in Südamerika geflogen. Weiter sei es zur nächsten Freundin nach Singapur und von da aus zurück nach Europa in die französische Hauptstadt gegangen. Das Ganze habe wohl wie eine Flucht ausgesehen, aber seine Mutter habe ihm das Flugticket nach Amerika schon lange vor dem Vorfall gekauft. Pech nur, das die angebliche Offenbacher Gespielin nicht zögerte, sondern bei der Polizei Anzeige erstattete. L. wurde daraufhin in Paris festgenommen.

Gestern schilderte die Nebenklägerin ihre Version der Geschichte, die so gar nicht zu der des Angeklagten passen will. Die 43-Jährige erinnert sich: „Ich war zu Fuß auf dem Weg zur Arbeit, wollte zur S-Bahn-Station Ost. Sonntags fährt so früh ja kein Bus. Passenderweise war gerade Sonnenaufgang und da ich gerne Fotos mache, nutzte ich die Gelegenheit, um kurz vor dem Aldi auf eine Anhöhe zu steigen und ein paar schöne Bilder zu knipsen. Dabei sah ich im Augenwinkel eine Gestalt auf mich zukommen.“ Ohne Vorwarnung habe der Mann sie die Böschung hinuntergestoßen. Als sie sich zum Sitzen aufgerappelt habe, sei derjenige schon neben ihr gewesen und habe ihr mit den Worten: „Wenn du nicht machst, was ich will, steche ich dich ab. Das schwör ich beim Namen meiner Mutter!“ einen Gegenstand an den Hals gedrückt.

Gewalt in deutschen Gefängnissen ist Alltag

Die Zeugin fängt an zu weinen. Nach einer Weile gesteht sie, Todesangst gehabt zu haben und es deshalb auch nicht gewagt haben, sich zu wehren. Der Angreifer habe seine Hose aufgemacht und sie zum Oralsex gezwungen. Nach dem Übergriff lief sie zu einer nahe gelegenen Tankstelle, von wo aus sie die Polizei alarmierte. Trotz hohen Ekelfaktors behielt sie das Ejakulat des vermeintlichen Peinigers im Mund, um die DNA sicherstellen zu lassen.

Auf die wichtigste Frage des Vorsitzenden Richters Dr. Christoph Trapp reagiert die Zeugin sofort mit einer klaren und eindeutigen Antwort: „Nein, ich habe den Angeklagten vor der Tat noch nie gesehen!“ Erkannt habe sie ihn erst auf den Polizeifotos, die ihr nach seiner Festnahme mithilfe des Phantombildes und der DNA vorgelegt wurden. Der Prozess wird fortgesetzt.

Rubriklistenbild: © Symbolbild: dpa

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