Diesmal nur Platzpatronen

Offenbach - Die Einschusslöcher in den Wänden sind sorgfältig verputzt. Auf der schweren, doppelflügligen Eingangstür ist über den Kugel-Dellen eine Platte montiert. Von Silke Gelhausen-Schüßler

Sonst erinnert nichts mehr an die wilde Schießerei, die sich am 15. März 2011 im Bürotrakt an der Rowentastraße zwischen Oliver N. und den Beamten des Spezialeinsatzkommandos (SEK) abspielte.

Seit Anfang Januar muss sich der 54-jährige Offenbacher Geschäftsführer für die Geschehnisse vor dem Darmstädter Landgericht verantworten. Nur schleppend kommt der Prozess voran. Es geht um versuchten Totschlag, wirklich sicher ist lediglich, dass der unter sogenanntem Beeinträchtigungswahn leidende N. im Zustand der Schuldunfähigkeit gehandelt hat (wir berichteten). Am Anfang steht die geplante Festnahme N.s, der sich angeblich weigert, zur psychiatrischen Untersuchung gebracht zu werden. Da man bei dem passionierten Jäger Waffen und scharfe Hunde vermutet, wird ein Spezial-Einsatz-Kommando (SEK) angefordert.

Doch wer eröffnete am besagten Abend das Feuer? Hat sich N. wegen vermeintlicher russischer Kidnapper in Notwehr gewähnt? Hätte er wissen müssen, dass „nur“ die Polizei in seine Geschäftsräume eindringt? Um der Klärung dieser Kernfragen näher zu kommen, wird auf Antrag der Verteidigung ein Ortstermin einberufen. Zwei Experten des Landeskriminalamts sind anwesend, drei beteiligte SEK-Leute sollen Tathergang realitätsgetreu nachstellen.

Ermittlungen gegen SEK-Beamte

„Hier ist die Polizei, nehmen Sie den Hund zurück!“ Laut und deutlich schreit ein Beamter in den Büroflur hinter der Flügeltür, wo N. sich damals verschanzt hat. Kurz darauf knallt mit 130 Dezibel eine Salve mit Neun-Millimeter-Platzpatronen hinterher. Das geht aufs Trommelfell, jeder presst sich die Ohren zu oder hat mit Lärmschutzstöpseln vorgesorgt. Aus welcher Ecke der erste Schuss fiel? Kaum zu sagen.

Und auch die Erschießung von N.s großem Jagdhund mit 2,4-Millimeter-Schrotkugeln wird „in Augen- und Ohrenschein“ genommen. Ein BKA-Sachverständiger für Schusswaffentechnik zeigt anhand eines kurzen Films, wie das Tier „unter dem Schuss fiel“. Für den Test wird ein gleich schwerer Dummy aus Seife und Gelatine „erschossen“. „Es kann aber sein, dass er trotz der Verletzung noch Fluchtreflexe zeigte, bevor er zusammenbrach“, so der Experte.

Für Verteidiger Hans Wolfgang Euler bestätigen die Versuche die komplizierte Einschätzung: „Man kann nicht sagen, ob N. wirklich gehört hat, dass es die Polizei war.“ Wenn in einer solchen Enge der eigene Hund erschossen werde, könne man nicht unbedingt von logischen Wahrnehmungen und Reaktionen ausgehen.

Gegen die SEK-Beamten, die N. schwer verletzten, ermittelt Oberstaatsanwalt Dr. Axel Kreutz. Notwendig wäre eine nochmalige Stellungnahme des Beschuldigten. Aber N. ist dazu noch nicht in der Lage. Wenn die Aussage vorliegt, gehen die Schilderungen beider Seiten zu einem Sachverständigen, dessen Einschätzung über den weiteren Verlauf des Ermittlungsverfahrens entscheidet.

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