Prozess vorm Landgericht

„Reinigung“ kostet Million

Offenbach/Darmstadt - Lina D. hat die Kapuze weit über den gesenkten Kopf gezogen. Ihr Gesicht verdeckt sie mit einem Aktenordner, als sie mit 20-minütiger Verspätung den Prozesssaal des Darmstädter Landgerichts betritt. Dort wartet schon Lidija D. Von Veronika Szeherova

Sie ist pünktlich – sitzt sie doch seit November in U-Haft und wartet auf den Prozessbeginn. Den beiden 28-jährigen Frauen wird eine Straftat zur Last gelegt, die ihresgleichen sucht: In einem Zeitraum von zweieinhalb Jahren haben sie eine Offenbacherin unter dem Vorwand, sie von einem „negativen Wesen“ zu befreien, um mehr als eine Million Euro gebracht.

„Wir sehen, es geht Ihnen nicht gut, wir können Ihnen helfen.“

Noch bevor es zur Verlesung der 17 Punkte umfassenden Anklageschrift kommen kann, gestaltet sich schon die Aufnahme der Personalien der Serbinnen als schwierig. Geburtsort und Geburtsdatum, die Lidija D. angibt, decken sich nicht mit den Angaben, die dem Vorsitzenden Richter Martin Rößler vorliegen. Auch laute ihr korrekter Name Linda M. Auf die Frage nach der Herkunft ihrer Alias-Namen antwortet sie: „Das sind verschiedene Spitznamen aus Vorverurteilungen, die habe ich niemals im Leben benutzt.“

So unklar sich die Angeklagten vor der Kammer ausdrücken – bei ihrer Tat müssen sie durch Glaubwürdigkeit und Überzeugungskraft geglänzt haben. Andernfalls wäre es ihnen kaum gelungen, über Jahre ihr Opfer glauben zu lassen, sie würden ihr Gutes tun. Am 19. November 2009 sprachen sie die Offenbacherin S. in der Fußgängerzone in Bad Homburg sinngemäß mit den Worten an: „Wir sehen, es geht Ihnen nicht gut, wir können Ihnen helfen.“ An Ort und Stelle gelang es ihnen, der Frau eine wertlose Wurzel „zur Vertreibung des Negativen“ für 200 Euro zu verkaufen. Am Abend trafen sie S. in ihrer Wohnung in Tempelsee und vollführten ein „Reinigungsritual“, das die Frau von einem „Wesen“ befreien sollte. Dabei schlugen sie bei Kerzenlicht ein rohes Ei auf und spuckten hinein. Ritual und Utensilien kosteten: Allein die Kerzen berechneten die Frauen mit 1500 Euro. Außerdem verwendeten sie angebliches „Weihwasser“, das S. ebenfalls teuer bezahlte. Sie teilten der Frau mit, dass das fürs Ritual benötigte Geld von dem „Negativen“ zerstört werden könne.

Im „Weihwasser“ 100.000 Euro gesehen

Schnell war die Offenbacherin ihre ersten 45.000 Euro los. Bei einem weiteren Treffen in ihrer Wohnung sahen die Angeklagten im „Weihwasser“ die Summe 100.000 Euro – diese Summe zu zahlen sei erforderlich für die weitere Reinigung. S. sei bewusst in dem Glauben gelassen worden, das Geld zurückzubekommen. Doch immer wieder hörte sie, das „Wesen“ habe das Geld zerstört. Als „Beweis“ zeigte Lidija D. ihr tränenüberströmt ein Bündel schwarzgefärbter 500-Euro-Scheine. Auf diese Art und Weise sammelte sich im Laufe der Zeit eine Summe von über einer Million Euro an.

Außerdem machten die beiden Frauen ihrem Opfer weis, dass auch sein Schmuck einer Reinigung unterzogen werden müsse. Der hatte einen Wert von 30 000 Euro. Auch ihn zerstörte das „Wesen“ – ebenso wie die beiden teuren Handtaschen, die es angefordert hatte. Auch eine Eigentumswohnung in Freiburg musste einem teuren „Reinigungsritual“ unterworfen werden. Später habe das „Wesen“ gesehen, dass der Ehemann der Offenbacherin Geldgeschäfte getätigt habe – forderte und bekam die entsprechenden Summen. Als S. einen Herzinfarkt erlitt, sprachen die Angeklagten von „akuter Lebensgefahr durch das Negative“. Kostenpunkt: weitere 100.000 Euro.

S. hob das Geld bei mehreren Banken ab und übergab es an verschiedenen Orten, darunter KOMM und Ringcenter. Als die Frau endlich die Rückgabe ihres Geldes forderte, sagten sie, ihrem Mann würde etwas passieren.

Die zuständige Strafkammen sah sich zum Prozessauftakt noch „nicht in der Lage, eine Strafmaßvorstellung zu entwickeln“. Die Angeklagten schwiegen zunächst zu den Vorwürfen. Die Kammer brach die Verhandlung nach Verlesung der Anklageschrift ab. Zur nächsten Verhandlung am Donnerstag, 14. März, sagt die Beschädigte S. aus. Insgesamt sind sieben Prozesstage veranschlagt.

Rubriklistenbild: © dpa

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion