Millionenschwere Täuschung

Zweiter Prozesstag wegen „Austreibung des Bösen“

Offenbach - Zweieinhalb Horrorjahre unter permanentem Psychoterror: Am zweiten Verhandlungstag des ungewöhnlichen Betrugsprozesses vor dem Darmstädter Landgericht schildert die Geschädigte S. die Zeit, als sie sich in völliger Abhängigkeit von Lina D. und Lidija D. befand. Von Veronika Szeherova

Die Offenbacherinnen haben sie bei „Reinigungsritualen“, die sie von einem angeblichen „negativen Wesen“ befreien sollten, um mehr als eine Million Euro gebracht.

Bei der Vernehmung wirkt S. gefasst, aber angespannt. Eine schlanke, 49-jährige Frau mit schulterlangen, dunklen Haaren und Jeans. Dann bricht sie doch in Tränen aus. „Ich habe den beiden unser ganzes Vermögen, meinen ganzen Schmuck, alles, was wir hatten, gegeben.“ Wie es so weit kommen konnte, verstehe sie im Nachhinein nicht. „Ich frage mich immer: Wie konntest du nur so blöd sein?“ 2008 zog die Diplom-Kauffrau mit ihrem Mann und drei kleinen Kindern nach Bad Homburg. Sie arbeitete zuvor freiberuflich als Persönlichkeitsberaterin und Coach, hatte einige spirituelle Ausbildungen absolviert. Nach dem Umzug habe sie kaum noch gearbeitet, sei in einer „Sinnkrise“ gewesen.

Mit einer gesegnten Wurzel fing es an

Im November 2009 traf sie in der Fußgängerzone die beiden jungen Frauen, die sie darauf ansprachen, dass es ihr wohl nicht gut gehe. Sie verkauften ihr eine „gesegnete, rote Wurzel aus Lourdes“ für 200 Euro, beschrieben ihr die Anwendung. Und sie tauschten Handynummern aus. Als Schwestern „Lisa“ und „Daniela“ gaben sich die Angeklagten aus und luden S. in ihre Offenbacher Wohnung ein. „Sie waren sehr gastfreundlich, der Tisch war gedeckt, Kinder waren da.“ Von Geld sei bei diesem ersten Besuch keine Rede gewesen. Doch die jungen Frauen attestierten ihr ein „negatives Wesen“, das sie austreiben könnten. Zum nächsten Besuch solle sie ein T-Shirt, Olivenöl und ein rohes Ei mitbringen.

Das „Ritual“ bei Kerzenschein wurde begleitet von beschwörendem, religiösem Singsang, einem Kreuz und Madonnenbild: „Als sie das Ei im T-Shirt aufschlugen, kam etwas Schwarzes, Ekliges raus, wie Gedärm. ,Lisa’ hat gezittert und geschrien, das sei das Wesen, und es würde sie anfallen.“ „Daniela“ sagte zu S., wenn sie schnell 1000 Euro aus dem Geldautomaten hole, könne das „Wesen“ besänftigt und „Lisa“ gerettet werden. Das war der Anfang.

Opfer durfte nicht darüber sprechen

Die Frauen trichterten S. ein, dass auch Menschen in ihrem Umfeld durch das „Wesen“ bedroht seien. Sie dürfe mit niemandem darüber sprechen. Ständig kamen weitere Zahlungen hinzu. Das Geld, versprachen sie ihr, bekomme sie wieder, wenn das „Negative“ besiegt sei. „Ich war nur noch damit beschäftigt, ein Ende zu finden“, sagt S. Doch die Forderungen und der Druck hörten nicht auf. „Sie sagten, dass etwas Schlimmes passiert, wenn wir jetzt aufhören. Auch als sie wussten, dass ich kein Geld mehr habe.“ Sie nahm Darlehen von Banken und Freunden. „Ich glaubte wirklich daran.“

Nicht mal ihrem Mann vertraute sie sich an. Als der im Dezember 2009 eine Abhebung von 100.000 Euro vom gemeinsamen Konto feststellte, sperrte er ihren Zugang. Er sagt aus, er habe stets die „stereotype Antwort“ bekommen: „Ich soll mir keine Sorgen machen, das Geld kommt wieder, es dient dem Wohl der Familie.“ Später gab er ihrem Drängen nach und lieh ihr 300.000 Euro. „Sie war sozial isoliert, extrem angespannt und psychisch belastet.“ Erst eine Freundin brachte S. im Juli 2012 dazu, zur Polizei zu gehen. Die Familie sitzt nun auf einem Schuldenberg. Der Prozess wird am Dienstag fortgesetzt.

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