Prozess vor dem Jugendschöffengericht

Sogar den Ehering gestohlen

Offenbach - Aussage gegen Aussage: Ein Student gesteht, mit zwei anderen die Wohnung eines Bekannten und seiner Frau ausgeräumt zu haben. Sein Mitangeklagter beschuldigt ihn, ihm die Tat anzuhängen. Von Tamara Schempp 

Sie erbeuteten Schmuck, einen Flachbildfernseher, eine Playstation 4, ein MacBook und eine Designer-Sonnenbrille. Sogar vor dem Ehering und den Reisepässen machten die Täter nicht Halt. So lautet die Anklage vor dem Jugendschöffengericht gegen den 25-jährigen Studenten A. und seinen Kollegen J., der zur Tatzeit noch als Heranwachsender gilt, denn auch auf gemeinschaftlichen Diebstahl.
An einem Abend im Januar 2016 gegen 20 Uhr sollen sie sich Zugang zur Wohnung verschafft haben. Sie wussten, wo sich der Schlüssel befand: im Briefkasten des Ehepaars. Dort, wo er immer liegt, wenn die beiden verreist sind. Ein riskantes Versteck. Laut Aussage des Geschädigten, der als Zeuge geladen ist, wussten mehrere Personen davon.

So auch J., der dieses Wissen ausgenutzt haben soll. Er holte A. nach dessen Aussage dazu, um die Tat auszuführen. Der Student fuhr den Wagen, die drei Einbrecher – das Verfahren gegen den Dritten wurde abgetrennt – teilten sich die Beute auf. Zweimal leugnet A. die Tat, als er von der Polizei vernommen wird. Beim dritten Mal sagt er schließlich „die Wahrheit“, so seine Pflichtverteidigerin Heike Luttmer-Schmidt.

Vorm Jugendschöffengericht unter Vorsitz von Richterin Yvonne Duttiné gesteht A. sichtlich nervös. Er bereue die Tat zutiefst und sei sich der Konsequenzen bewusst. Er spricht sogar von verletzter Moral. Es sei außerdem seine erste Anklage, betont die Verteidigerin. Seine Akte ist laut Richterin Yvonne Duttiné „blütenrein“ . Sie drückt angesichts des Lebenslaufs des Angeklagten ihr Unverständnis über die Tat aus.

J. ist dem Gericht hingegen kein Unbekannter. Mehrmals schon saß er auf der Anklagebank, zuletzt wegen räuberischer Erpressung. Der unscheinbare Mann ist auf Bewährung frei, vor zwei Jahren wurde er aus der Justizvollzugsanstalt Wiesbaden entlassen. Der anwesende Bewährungshelfer spricht von „zuverlässigem Kontaktverhalten“, er sei unauffällig. Die Motivationslage sei ihm auch finanziell unklar, da J. durchgängig berufstätig war. Im Sommer beginne er erneut eine Ausbildung.

Staatsanwalt: Obdachloser hätte qualvoll verbrennen können

Der junge Mann selbst scheint sich keiner Schuld bewusst zu sein. Vehement leugnet er die Tat. Er will zur Tatzeit, seinem Geburtstag, mit seiner heutigen Ex-Freundin im Kino gewesen sein. Doch kann er sich weder an das Lichtspielhaus, noch an den Film erinnern. Er wirkt routiniert, kein bisschen aufgeregt. Man habe ihm erst hinterher vom Einbruch erzählt, sagt er und beschuldigt A. und M., den dritten Angeklagten, ihm aus Rachsucht etwas anhängen zu wollen.

Eine Audioaufnahme eines aufgezeichneten Gesprächs am Offenbacher Hauptbahnhof soll seine Unschuld beweisen. Doch die unverständliche Aufnahme bringt ihn nicht weiter, Richterin Duttiné lehnt sie als Beweismittel ab.

Der Fall hinterlässt nicht nur materiellen Schaden. Der geschädigte Ehemann kannte die beiden jungen Männer. Er sei tief getroffen worden, sagt e aus. Seine Frau habe sich nach der Tat in psychologischer Behandlung befunden. Der geständige Täter A. sichert ihm nach einiger Verhandlung eine Schadenswiedergutmachung in Höhe von 2000 Euro zu.

Am zweiten Verhandlungstag kommende Woche sollen die Ex-Freundin des Angeklagten J. und ein weiterer Zeuge gehört werden.

Rubriklistenbild: © Symbolfoto: dpa

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