Pit-Stop: Prozess um Ex-Geschäftsführer

Nur ein kleiner Fisch unter Finanzhaien

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Offenbach - Diesmal ging es nicht um Räuber, Schläger und Vergewaltiger. Vorm kleinen Amtsgericht wurde gestern ein Stück große Finanz-Transaktions-Welt verhandelt, mussten sich Richter Manfred Beck und seinen beiden Schöffen mit Weiße-Kragen-Kriminalität beschäftigen. Von Matthias Dahmer

Der Angeklagte ist dabei indes nur als kleiner Fisch anzusehen. Weshalb er, das sei vorweggenommen, am Ende mit einem Strafbefehl über 16.200 Euro davonkommt. Die ursprüngliche Anklage war noch von anderem Kaliber: Peter H. (Name geändert) wurde als ehemaliger Geschäftsführer des bundesweit tätigen Autoreparierers Pit-Stop Insolvenzverschleppung und Nichtabführen von Sozialversicherungsbeiträgen in Höhe von mehr als 400.000 Euro vorgeworfen.

Im für die angeklagten Taten maßgeblichen Zeitraum zwischen August 2009 und Frühjahr 2010 firmierte das 1970 gegründete Unternehmen Pit-Stop unter Pit-Auto Teile GmbH (PAT). Es hatte seinen Sitz in Heusenstamm, weshalb sich nun damit das Offenbacher Amtsgericht damit befassen musste, als Geschäftsführer fungierte H.

Die Umfirmierung folgte einen Monat nachdem die luxemburgische Beteiligungsgesellschaft BluO die damals angeschlagene Werkstattkette übernommen hatte, um sie zu sanieren und weiterzuveräußern. Das geschah dann im Frühjahr 2010 mit dem Verkauf an die Essener PV Automotive GmbH. Die benannte das zeitweilige Heusenstammer Unternehmen wieder in Pit Stop Systempartner GmbH um und verlegte den Sitz der Gesellschaft und die Firmenzentrale nach Essen. PV Automotive ist bereits die achte Unternehmensgruppe, welche die mittlerweile im Franchise-System agierende Werkstattkette übernommen hat.

Entlastung durch ehemaligen Chef

Die Staatsanwaltschaft legte dem von BluO eingesetzten Geschäftsführer, dem Angeklagten, zur Last, dass er die PAT zum größten Teil dadurch saniert habe, dass er die Gläubiger nicht mehr bedient und die Sozialabgaben nicht oder verspätet bezahlt habe. Er hätte deshalb spätestens Anfang 2010 Insolvenz anmelden müssen.

Entlastet wird Peter H. von einem der ehemaligen Chefs von BluO, die 2013 abgewickelt wurde. Der Mann ist die Branchengröße Martin Vorderwülbecke, der mit seinem Partner Peter Löw „zig Millionen verdient hat, indem sie marode Firmen kauften, sanierten und weiterverkauften“, wie das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ schon 2010 schrieb.

Vorderwülbecke sagt am ersten Verhandlungstag aus, dass er der PAT jederzeit fünf Millionen Euro zur Verfügung hätte stellen können, so dass diese nie zahlungsunfähig gewesen sei. Er belegt, dass er dem angeklagten Geschäftsführer diese Zusage 2009 schriftlich gegeben hat. Die Staatsanwaltschaft lässt daraufhin und wegen der Komplexität der Materie gestern – am zweiten Verhandlungstag – den Vorwurf der Insolvenzverschleppung fallen. Und auch die insgesamt 21 Fälle, welche die Abführung von Sozialversicherungsbeiträgen betrafen, sieht der Anklagevertreter in einem milderen Licht: Wie er am Rande der Verhandlung andeutet, seien diese Verfehlungen wohl nicht dem Angeklagten zuzurechnen, sondern an anderer Stelle im damaligen Unternehmen begangenen worden. Zugleich weist der Staatsanwalt darauf hin, dass PAT-Käufer PV Automotive gegen die Beteiligungsgesellschaft BluO derzeit vor einem Münchner Zivilgericht prozessiere. Dabei gehe es um mehrere Millionen Euro.

Eine Insolvenz muss nicht das Aus bedeuten

Eine Insolvenz muss nicht das Aus bedeuten

Nachdem sich die Prozessbeteiligten zu einem Rechtsgespräch zurückgezogen haben, beantragt die Staatsanwaltschaft dann den genannten Strafbefehl, dem Richter Beck mit seinem inhaltsgleichen Beschluss folgt. Damit erübrigen sich gestern die Vernehmung weiterer Zeugen sowie zwei weitere Verhandlungstage, die für die nächsten Wochen angesetzt waren.

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