Plädoyers am vorletzten Verhandlungstag

Fall Tugce: Anklage fordert Jugendstrafe für Sanel M.

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Sanel M. und sein Anwalt.

Darmstadt/Offenbach - Die Entscheidung im Tugce-Prozess rückt näher. In ihrem Plädoyer fordert die Anklage eine mehrjährige Jugendstrafe für Sanel M.. Vor dem Offenbacher Schnellrestaurant habe sich eine „Spirale der Aggression“ abgespielt, die mit dem Tod der Studentin endete.

Im Prozess um den gewaltsamen Tod der Studentin Tugce hat die Anklage eine Jugendstrafe von drei Jahren und drei Monaten gefordert. Man sehe bei dem Angeklagten Sanel M. eine "erhebliche Schuld" und "schädliche Neigungen", betonte die Staatsanwaltschaft in ihrem Plädoyer am Freitag vor dem Landgericht Darmstadt. Der 18-Jährige soll wegen Körperverletzung mit Todesfolge in Haft. Nach den Schlussplädoyers von Anklage und Nebenklage ist klar: Der Fall Tugce erscheint nicht mehr so eindeutig wie noch im November 2014. Es gebe in dem Fall "nicht nur Schwarz-Weiß, sondern viele Grautöne", sagte Oberstaatsanwalt Alexander Homm. Weder sei Sanel M. ausschließlich ein aggressiver "Koma-Schläger", noch Tugce eine "nationale Heldin" für Zivilcourage. Vielmehr habe es Provokationen und Beleidigungen auf beiden Seiten gegeben.

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Auch nachdem das Gericht rund 60 Zeugen gehört hat, bleiben Homm zufolge "viele Punkte ungeklärt", etwa die Frage, ob Tugce auf der Toilette des Restaurants zwei 13-jährigen Mädchen half, Sanel M. und seine Freunde loszuwerden. Klar ist aus Sicht der Anklage: Im Lokal, vor der Tür und später auf dem Parkplatz begann eine "Spirale der Aggression", die in der tödlichen Ohrfeige endete. Staatsanwältin Birgit Lüter attestierte dem 18-jährigen Angeklagten schädliche Neigungen, erhebliche kriminelle Energie und mangelnde Reife.

Bilder zum Tugce-Prozess in Darmstadt

Die Nebenkläger, die die Familie vertreten, warfen Sanel M. vor, "dass er nicht in der Lage ist, irgendeine Form von Empathie zu zeigen". Sein Geständnis zu Prozessbeginn sei nicht von Reue, sondern von Prozesstaktik geleitet gewesen, sagte Anwalt Macit Karaahmetoglu. Die Nebenkläger sehen in den Schlägen eine "abgesprochene Bestrafungsaktion". Sanel M. habe mit einem Freund verabredet, Tugce und eine ihrer Freundinnen zu schlagen, "weil sie sich nichts gefallen ließen".

Verteidigung fordert Jugendstrafe zur Bewährung

Die Verteidigung hat für den angeklagten Sanel M. eine Jugendstrafe zur Bewährung gefordert. Eine genaues Strafmaß nannte die Verteidigung in ihrem Plädoyer vor dem Darmstädter Landgericht nicht. Es sei nicht davon auszugehen, dass es sich um Körperverletzung mit Todesfolge handele, weil der Angeklagte die Folgen der Tat nicht habe absehen können. Das Urteil könnte am kommenden Dienstag (16. Juni) fallen. Am Mittwoch will, wie vor den Plädoyers zu erfahren war, Tugces Bruder bei "Stern TV" auftreten.

dpa

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