Überfall in Offenbach

Schizophrener Täter bleibt in der Psychiatrie

Offenbach - „Ich dachte immer, ich hätte eine gute Menschenkenntnis. Diese Meinung habe ich nach dem Vorfall komplett revidiert!“ Von Silke Gelhausen-Schüßler

Wie reich die Lebenserfahrung der 52-jährigen Offenbacherin auch sein mag, das Verhalten von Gökhan S. am 31. August 2015 hätte sie nicht vorhersehen können: Auf dem Weg zur Arbeit spricht der 28-Jährige die Mitarbeiterin des Sana-Klinikums an, fragt zunächst höflich nach dem Weg. Dann läuft ihr hinterher, ruft ihr zu, ob sie Lust auf ein Abenteuer habe, fragt wieder nach dem Weg. „Als ich sagte, er solle mich in Ruhe lassen, sah ich, dass sein Penis aus der Hose hing. Er fasste mich von hinten an die Brust und in den Schritt. Er schlug mich ins Gesicht, die Brille zerbrach. Ich ging vom Schlag zu Boden, dann ging das Gerangel um meine Handtasche los. Das verlor ich nach einer Weile – ich hatte einfach keine Kraft mehr“, schildert das Opfer gestern vor der Ersten Strafkammer des Landgerichts Darmstadt den Hergang. Der Beschuldigte floh mit der Handtasche, konnte einen Tag später gefasst werden. Seitdem sitzt er in der Psychiatrie in Haina.

Dort wird Gökhan S. auch bleiben müssen. In ihrem Urteil ordnet die Strafkammer für den wohnungslosen Offenbacher die Unterbringung in einer psychiatrischen Klinik an. Denn er leidet seit seinem 16. Lebensjahr unter einer schweren Form chronischer Schizophrenie. Der Arbeitslose lebe in seiner eigenen wahnhaften Realität und handele danach, bringt es der psychiatrische Sachverständige Rüdiger Müller-Isberner auf den Punkt. Die Krankheit wird denn auch als Grund für das Fehlverhalten des bislang nicht Vorbestraften angesehen. Er gilt als schuldunfähig, die Sozialprognose ist denkbar schlecht.

Neben der körperlichen Unversehrtheit – der Überfall zieht Kratzer, Prellungen und Nasenbluten nach sich – verliert die Klinik-Mitarbeiterin mit der Handtasche ihre gesamten Papiere, 100 Euro Bargeld, private und dienstliche Schlüssel sowie ihr Mobiltelefon. Anfangs unterschätzt sie die seelischen Folgen, muss sich dann aber doch wegen Panikattacken einer Psychotherapie unterziehen .„Ohne die Kurzzeit-Therapie wäre es nicht gegangen. Jetzt ist aber alles wieder gut“, sagt sie.

Der Beschuldigte wird für seine Behandlung etwas länger brauchen. Gutachter Müller-Isberner: „Im Durchschnitt verbringen schizophrene Straffällige vier bis fünf Jahre in der forensischen Psychiatrie. Meine Prognose für S. ist die, dass es länger dauern wird.“ S. hat bereits 25 Aufenthalte in der Psychiatrie hinter sich. Jeder Joint, den er raucht, fördert die Erkrankung. Mit der 52-Jährigen hat er zum ersten Mal ein Zufallsopfer ausgesucht. Vorher war er nur gegen Familienmitglieder oder Personen seines Umfelds gewalttätig. Am Ende des kurzen Prozesses gibt es für die erste Strafkammer nur eine Möglichkeit: Auf keinen Fall aus der Psychiatrie entlassen!

Rubriklistenbild: © dpa

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