Plötzlich Erinnerungslücken im Prozess

Wüste Schlägerei in der ehemaligen Diskothek Scala

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Symbolbild

Offenbach - Zu „einer erheblichen Auseinandersetzung“ sei es am frühen Morgen des 14. Septembers gekommen. So rückte die Polizei 2014 erst auf Nachfrage unserer Redaktion mit dem heraus, was vor der Diskothek Scala an der Bahnhofstraße ein Großaufgebot an Beamten erforderlich gemacht hatte. Gut 15 Monate später wird der Fall vor dem Landgericht verhandelt. Von Silke Gelhausen-Schüßler

Sonntag, 14. September, 5 Uhr, Bahnhofstraße. Der Club Scala soll gleich schließen, als sich eine Gruppe junger Männer auf dem Nachhauseweg entschließt, der Diskothek noch einen Besuch abzustatten. Der Türsteher verweist jedoch auf die fortgeschrittene Uhrzeit: „Geht nicht.“ Einigen der zu späten Gäste gefällt das gar nicht. Sie sind alkoholisiert und begehren Einlass. Aus einer kurzen Rangelei wird eine handfeste Schlägerei, bei der zwei Türsteher und ein kleidungstechnisch ähnlich aussehender Gast schwer verletzt werden. Ein Verfahren wegen gefährlicher Körperverletzung und versuchtem Totschlag wird eingeleitet. Zwei der Verantwortlichen können später gefasst werden, zwei stellen sich der Polizei. Diese hält die Straftat zunächst unter Verschluss – erst Recherchen unserer Zeitung aufgrund anonymer Hinweise führen zwei Wochen danach zu einer verspäteten Öffentlichmachung.

Die Hauptverhandlung gegen die vier Schläger wurde im Juli vor der ersten Strafkammer des Landgerichts Darmstadt begonnen, musste aber wegen Terminschwierigkeiten abgesetzt werden. Jetzt wird der Prozess nachgeholt. Gleich zu Beginn des ersten Verhandlungstages legen Negjmedin S. (33), Mohammad N. (27), Adnan K. (26) und Tamim A. (25) über ihre Verteidiger Geständnisse ab – im Juli hatten S. und K. noch geschwiegen. Widerspruch ist ohnehin zwecklos, denn die vierminütigen Überwachungsvideos vom Scala sprechen Bände. Darauf sieht man, wie Türsteher A. nahezu zwei Minuten lang mit Fäusten, Tritten und einer Wasserflasche ausgeknockt wird. Sein Kollege G. sieht auf dem Überwachungsbildschirm die Szene und eilt ihm zu Hilfe: Auch er bekommt sofort die Flasche über den Kopf gezogen. Dann wird noch der Gast E. verprügelt – der trug unglücklicherweise ähnliche Bekleidung wie seine Leidensgenossen.

Das medizinische Fazit: Ein Nasenbeinbruch, Schnitt- und Platzwunden, Prellungen, eine Trommelfellperforation, eine Kieferverletzung und ein Schädelhirntrauma. Während die Wunden fachgerecht als Beweismittel dokumentiert werden, liegt der Aussagewille der drei Opfer dagegen im Argen. Einzig E. ist bereit, sein Wissen weiterzugeben. Im Juli trat er auch als Nebenkläger auf, diesmal verzichtet er. Am eventuell erhofften Schmerzensgeld kann das nicht liegen, denn ein entsprechendes Angebot der Täter hat E. ausgeschlagen. Für A. hatten die Schläger 20.000, für G. 14.000 Euro locker gemacht. Trotz umfassender Aussage bei der Polizei will sich Zeuge G. nun vor Gericht an nichts erinnern. Sein ehemaliger Kollege A. erscheint nach doppelter Aufforderung erst am zweiten Verhandlungstag – und lässt sich wider Erwarten auf die Fragen der Vorsitzenden Richterin Ingrid Schroff ein.

Spektakuläre und kuriose Raubüberfälle

Der kräftige vollbärtige 35-Jährige scheint die auf dem Video brutal aussehende Attacke locker wegzustecken. Nicht so, dass er diese Art Berufsalltag gewohnt wäre. „Es war für mich das erste Mal. War blöd, aber gottseidank lebe ich noch“, so der Erlenbacher, „Ich hab noch ein paar Mal dort gearbeitet, will das aber jetzt nicht mehr.“ Er sei froh, dass am Kopf alles verheilt sei und er keine bleibenden Schäden davon getragen habe. A.: „Der Bruder von Mohammad hat sich bei mir entschuldigt. Es ist o.k.“

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Viel mitgekriegt haben will der heute als Produktionshelfer arbeitende Mann nicht: „Ich kannte die alle vom Sehen her, aber in dem Moment habe ich keinen registriert. Ich bekam einen Schlag von rechts, einen von links, einen von vorne, bin über die Treppe zu Boden gefallen, wo es so weiter ging. Zwischendurch war ich bewusstlos, bin erst vor der Toilette wieder aufgewacht, als man mich auf die Krankentrage legen wollte!“ Die Angeklagten sind der Polizei keine Unbekannten. Wiederholungs-Spitzenreiter ist Mohammad N. Richterin Schroff verliest 17 Einträge ins Bundeszentralregister, davon zehn wegen Körperverletzung. Komplize Negjmedin S. bringt es auf sechs, Adnan K. auf fünf Einträge, beide ebenfalls einschlägig. Das Urteil soll am Freitag fallen.

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