Ein kleinteiliges Leben

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Das Leben, also das mit 24.000 Teilen ehemals weltgrößte Puzzle „Life“, passt vorn und hinten nicht in Peter Schuberts Flur.

Offenbach - Peter Schubert darf man, ohne ihn näher zu kennen, ein ziemlich kleinteiliges Leben unterstellen. Eins, in dem nun wirklich nicht immer alles zusammenpasst. Das mag im Grunde auf jeden Menschen zutreffen. Von Marcus Reinsch

Doch bei Schubert, neuerdings Offenbacher, dringt die Kleinteiligkeit um ein Vielfaches greifbarer nach außen als bei anderen Menschen. Und er stellt all seine Ecken und Kanten und Brüche sogar gern zur Schau. Vor Jahren schon hat er sich einen Titel verliehen, der bei näherer Betrachtung so anmaßend nicht ist: Puzzlekönig.

Der Mann stammt aus Oberfranken, einem Teil der Republik, dessen Dialekt selbst im an Sprachvielfalt nicht armen Offenbach eine Rarität sein dürfte. Nicht lange her, da hat er in der Region des rollenden „R“ seine Koffer gepackt und ist an die Mittelseestraße gezogen.

170.000 Puzzleteile zu zirka 47 Quadratmetern Farbenpracht

Seine Wohnung mit der Erwartung zu betreten, dass sie eigentlich nicht zu betreten ist, führt zu Ernüchterung: Alles ist penibel ordentlich, nicht ein Puzzleteil auf dem Esstisch, keins auf dem Laminat, keins unter eine Fußleiste verirrt. Haust so einer, der in den sieben Jahren, seit er seine wahre Leidenschaft entdeckte, 170.000 Puzzleteile zu zirka 47 Quadratmetern Farbenpracht zusammengesetzt hat?

Alle äußere Aufgeräumtheit ist kein Widerspruch. Sie ist die logische Konsequenz aus Schuberts Erfahrung, dass ein Puzzler, der die Disziplin schleifen lässt, am Ende mit einem Puzzle dasteht, dem genau ein Teil fehlt – der Super-GAU in seinen Kreisen.

In seiner Heimat titelte eine Zeitung mal über Schubert „Er schuf die Welt in einem Jahr“, weil er in ein sinnigerweise vom Weltbild-Verlag vertriebenes 20 000er-Weltkartenpuzzle nach historischer Vorlage, sein allererstes, knapp zwölf Monate investiert hatte. Das war 2005, und die Sparkasse Forchheim stellte das damals tatsächlich „größte Puzzle der Welt“ mit in jeder Hinsicht riesigem Erfolg und dreiwöchiger Verlängerung aus, bevor es, gar in einem Holzrahmen, zur Erbauung aller Besucher ins Rathaus von Effeltrich umzog. Schubert war stolz, als seine übermannshohe, 100 Kilo schwere Welt in Plexiglas eingefasst ins Eggolsheimer Rathaus übersiedelte – wo dann schon zu erfahren war, dass die Tournee durch Finanz- und Verwaltungsburgen bald mit dem Qualitätssprung in die Forchheimer Kaiserpfalz enden werde.

Potentiell größeres Publikum

Und nun also Offenbach, Rhein-Main, mehr Einwohner, größere Sparkassen, potentiell größeres Publikum, aber auch mehr Konkurrenz im Kampf um die Gunst der Massen? Kein Argument für den Oberfranken. Sein Geld verdient er nicht mit, sondern fürs Puzzeln. Wenn er im öffentlichen Raum die Platten zusammensetzt, auf denen er seine größten und prächtigsten Exemplare in stundenlanger Fummelarbeit mit Spezialkleber fixiert hat, dann sind sein Lohn die staunenden Blicke der Leute, die an den Bildern vorüberziehen wollen und dann doch stehenbleiben.

So war das schon ganz am Anfang, beim Weltkartenpuzzle. „Interessant war die Reaktion meiner Mitmenschen, als sie von meinem Projekt erfuhren. Teils hielten sie mich für verrückt, einige schüttelten nur den Kopf und lachten. Aber genau das trieb mich voran“, schreibt Schubert auf seiner Internetseite.

Die Sehnsucht nach Anerkennung hat den heute 43-Jährigen weit getrieben. Letztlich über die Grenzen der Weltkarte hinaus. Schubert hat Puzzles besiegt, deren Teile die dreidimensionale Miniatur der New Yorker Skyline ergeben. Er hat holografische Puzzles gemeistert, die einen auf die Palme bringen können, weil sie dank spezieller Beschichtung mal das eine, mal ein anderes Motiv zeigen. Und vor ein paar Jahren, als das extrem bunte, extrem detailreiche 24 000-Teile-Puzzle „Life“ auf den Markt kam, hat Schubert die Herausforderung gleich angenommen. Nach fünfeinhalb Monaten war er fertig. „Ich zähle die Stunden nicht mehr“, sagt er. „Wichtig ist mir, mein Ziel zu erreichen.“

Ausschau nach einer Ausstellungsfläche

Bis jetzt hat er es immer erreicht. Zum einen, weil beispielsweise „Life“ nicht in einer 24.000er-Tüte ausgeliefert wird, sondern in vier 6000er-Portionen, was die Sache etwas leichter macht. Zum anderen aber auch, weil man, wenn man Schubert zuhört, dem Zusammensetzen kleiner bedruckter Pappstücke plötzlich wissenschaftliche Qualitäten zugesteht. Wer 200 oder 500 Teile vor sich hat, braucht vielleicht keine Strategie. Aber bei mehr wird es knifflig. Längst sortiert Schubert, bevor er anfängt, nicht mehr nur Rand- und Mittelstücke auseinander. Er bildet Häufchen nach Farben, Zahl und Anordnung der Ausbuchtungen und „Öhrchen“.

Momentan hält Schubert Ausschau nach einer Ausstellungsfläche. Oberste Priorität ist das aber nicht. „Ich mache Puzzlepause“, sagt er, und so wie er es sagt, klingt es wie Babypause. Es gibt da tatsächlich Parallelen. Ein Puzzle ist für Peter Schubert zweifellos etwas, um das man sich immer kümmern muss, das einem schlaflose Nächte bereitet, das einen belohnt, indem man ihm beim Großwerden zuschauen kann.

Eine neue Existenz aufbauen

Und für sowas hat der Oberfranke gerade nicht so viel Zeit. Er ist dabei, sich eine neue Existenz aufzubauen. Eine zweiteilige. In seinem Hauptberuf, er ist Techniker, arbeitet er in Obertshausen. Nebenbei hat er neben www.puzzlekoenig.de eine Internetseite gestartet, auf der man über ihn Naturprodukte für Mensch und Tier eines republikweit aktiven Herstellers ordern kann. Schubert will selbst ein kleines Puzzleteil eines großen Vertriebssystems werden.

Und wenn das geschafft ist, dann wieder ein bisschen Puzzeln, einfach zur Entspannung? Nee, schränkt Schubert, der Puzzlekönig, ein. „Wenn ich entspannen will, gehe ich angeln. Puzzeln regt mich zu sehr auf.“

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