Integration mit Hindernissen

Rabiater Ladendieb verurteilt

Offenbach - Das Schöffengericht unter Vorsitz von Richter Manfred Beck verurteilte einen mehrfach einschlägig vorbestraften Ladendieb zu zwei Jahren und zehn Monaten Haft. Die Rolle des reuigen Sünders nahm das Gericht dem 32-jährigen Rumänen nicht ab.

Der Mann, der vor einigen Jahren nach Deutschland gekommen war, ging im April in einem Supermarkt in Heusenstamm auf Diebestour, um dort Kosmetikartikel zu stehlen. Er benutzte dabei eine sogenannte Diebesschürze, eine Art Bauchsack, der in einen Nierengurt eingenäht ist. Das Risiko der Entdeckung hängt vom Grad der Fingerfertigkeit des Täters ab. Er steckt nur Waren ein, die keine Sicherungsetiketten enthalten oder deren Etiketten er schnell entfernen kann. Auch per Videoüberwachung ist ein sehr geschickter Täter kaum zu entdecken.

Der Angeklagte indes hatte an diesem Tag Pech. Möglicherweise weil er zum ersten Mal mit einer Diebesschürze unterwegs war, und sicher, weil der erfahrene Ladendetektiv merkte, dass der Rumäne sich auffällig verhielt. Nachdem der 32-Jährige an der Kasse eine Flasche Wasser und eine Packung Kekse bezahlt hatte, sprach der Detektiv ihn an, gab sich zu erkennen und bat ihn in sein Büro. Der Ertappte versuchte jedoch zu flüchten.

Um zu entkommen, stieß er an der Kasse zunächst eine 86-Jährige beiseite. Die Seniorin landete zuerst in einem Regal und dann auf dem Fußboden, wobei sie zwei Brüche an der Wirbelsäule erlitt. Auch der Filialleiter wurde verletzt: Bei der Verfolgung zog er sich eine Bänderdehnung am Fuß zu. Damit nicht genug: Ein 77 Jahre alter ehemaliger Hilfspolizeibeamter stellte sich dem Dieb mutig in den Weg, bezahlte das aber mit einem Rippenbruch und einer Nierenquetschung. Schließlich war dem Rumänen ein Rollstuhlfahrer im Weg, den er umstieß, wobei der Mann sich an Fuß und Knie verletzte. Erst dem Betreiber einer Hähnchenbude und dem Besitzer eines Blumenstands vor dem Markt gelang es, den Flüchtigen zu überwältigen.

Bei der Polizei gab der Mann an, die Diebesschürze sei gar keine. Vielmehr sei er nierenkrank und müsse einen Nierengurt tragen. Damit er nicht so schwitzen müsse, habe eine Verwandte ihm ein T-Shirt mit einem Loch am Bauch genäht. Aus Rumänien wisse er, dass Diebe von der Polizei misshandelt würden und hohe Strafen bekämen. Er habe panische Angst gehabt, dass dies passiere, und habe unbeabsichtigt Leute bei der Flucht umgerannt. Er sei Eisenbieger von Beruf, habe ein Kind und sei in Rumänien vorbestraft wegen Diebstahls.

Spektakuläre und kuriose Raubüberfälle

Vor Richter Manfred Beck gab er indes an, er sei ausgebildeter Musiker und habe keine Kinder. Er sei nach Deutschland gekommen, um sich zu integrieren und ein besseres Leben zu führen. In Rumänien habe er zwar in einem Orchester Arbeit gehabt, aber das sei nichts, um gut zu leben. Zur Vorstrafe in Rumänien schwieg er sich aus. Auf die Frage, warum er nicht als Straßenmusikant gearbeitet habe, statt zu stehlen, gab der Rumäne an, dass es besser gewesen wäre, er hätte Musik gemacht. Er sagte zudem, dass die Tat ihm leid tue, und er bat die Geschädigten teilweise mit dramatischen Worten um Entschuldigung. Er wolle sich nur in Deutschland integrieren, versicherte er.

Das Schöffengericht wertete sein Auftreten jedoch als Schauspielerei. Beck hielt ihm vor, dass er sich bei keinem Geschädigten entschuldigt hätte, wenn er nicht erwischt worden wäre. Eine Gefängnisstrafe sei angesichts des brutalen Vorgehens und der Vorstrafen des Angeklagten unvermeidbar. (mad)

Rubriklistenbild: © picture alliance / dpa

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