Ein Stück Lokal-Historie

Radeberger Stubb dreht nach 30 Jahren den Zapfhahn zu

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Leertrinken war angesagt am 1. Ostertag bei Ahmed Amezzu in der Radeberger Stubb am Wilhelmsplatz. Der gebürtige Marokkaner gibt sein Lokal nach 30 Jahren auf.

Offenbach - Nach 30 Jahren wurde in der Radeberger Stubb von Ahmed Amezzu am Ostersonntag das letzte Bier gezapft. Pläne, was künftig aus der Gaststätte werden soll, gibt es schon. Von Harald H. Richter

Der Kneipenwirt mit marokkanischen Wurzeln weiß es ganz genau. „30 Jahre, zehn Monate und 27 Tage sind es gewesen“, rechnet Ahmed Amezzu nach, wie lange er hinterm Tresen stand, und dreht am Ostersonntag, als das letzte Bierfass geleert ist, den Zapfhahn endgültig zu. Damit endet ein Stück Offenbacher Gastronomie-Historie. Als er das urige Lokal am Wilhelmsplatz 7 übernahm, hieß es noch Licher Bierquelle und Amezzu war erst der dritte Gastronom unter dem Dach des vor etwa 100 Jahren errichteten Hauses. In Tanger geboren und als gelernter Hotelfachmann 1973 nach Deutschland gekommen, hoffte der junge Zuwanderer aus dem Maghreb auf ein besseres Leben und setzte alles daran, sich eine gesicherte Existenz aufzubauen. Anfangs arbeitete er in Hamburg, bekam alsbald einen Job im Mainzer Hilton und später einen in Walldorf.

„Der Sport hat mir dann geholfen, heimisch zu werden, denn ich habe mich einem Fußballverein angeschlossen“, sagt er. Zu jener Zeit lernte er seine spätere Lebensgefährtin Barbara Rothe kennen. Mit ihr kam er nach Offenbach und verwirklichte seinen Traum vom eigenen Lokal mit gutbürgerlicher deutscher Küche. Von den Gästen zunehmend geschätzte Hausmannskost stand von Beginn an auf der Speisenkarte. „Einst gab es am Wilhelmsplatz nur wenige Gaststätten“, ruft Amezzu in Erinnerung und erwähnt ihre Namen: den Wienerwald, den Deutschen Hof, die Marktschänke, das Goldene Fass. Nach und nach habe sich aber rings herum eine quirlige Kneipenszene entwickelt – mit unterschiedlichen gastronomischen Leckerbissen aus Küche und Keller.

„Als die anderen Wirte begannen, nach und nach Tische und Stühle herauszustellen, kostete es mich einige Überredungskunst, auch meine Stammgäste von dieser Art Verweilkultur zu überzeugen.“ Doch spätestens nach dem Platzumbau ist die Außenmöblierung zur Selbstverständlichkeit geworden. „Im Ganzen betrachtet, hat sich das gastronomische Niveau am Wilhelmplatz im Laufe der Jahre merklich erhöht“, zollt er auch seinen Mitbewerbern Respekt.

Viele Thekengespräche haben sich ums Thema Fußball gerankt, einer Leidenschaft, der er sich noch heute verbunden fühlt. Kein Wunder daher, dass die Fußball-Weltmeisterschaft vor zehn Jahren in Deutschland bei Ahmed Amezzu nachhaltigen Eindruck hinterlassen hat. „Das waren die schönsten vier Wochen am Wilhelmsplatz“, schwelgt er in Erinnerungen. Vor allem war es für ihn eine WM im eigenen Land, denn der 64-Jährige ist längst deutscher Staatsbürger. „Trotzdem habe ich die marokkanische behalten – zwangsläufig, denn das Königreich entlässt niemanden aus der Staatsbürgerschaft.“

Die besten Bier-Weltrekorde

Ein Ereignis jedoch hat einen besonders schmerzvollen Einschnitt in Amezzus Leben bedeutet: der Tod seiner Barbara. Monatelang galt die Lebensgefährtin als vermisst, die Ungewissheit über ihr Schicksal war für ihn eine schwere Last. Ende 2014 wurde ihr Leichnam in der Nähe des gemeinsamen Gartens im Waldgebiet auf der Rosenhöhe gefunden, ein Fremdverschulden ausgeschlossen. 34 Jahre waren beide durch dick und dünn gegangen und hatten schon den gemeinsamen Ruhestand geplant. Er spricht offen darüber, auch wenn es ihm weh tut.

Amezzu will den Garten behalten und auch in Offenbach wohnen bleiben – in Sichtweite seines bisherigen Lokals. „Die neu gewonnene Zeit möchte ich nutzen, um möglichst oft meine Familie in Marokko zu besuchen“, schmiedet er Pläne. Sechs Geschwister leben nach wie vor in und um Tanger, haben Kinder und Kindeskinder. „Sie will ich sehen.“

Und wie es mit den Gaststätten-Räumen weitergeht, ist auch schon geregelt. Stefan Klemisch, Inhaber der benachbarten Brasserie Beau d’eau, wird ein kleines Restaurant unter neuem Nameneröffnen.

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