Selbstversuch in Offenbach

Radeln in der Fußgängerzone: Vom Reizthema zur Normalität

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Fußgänger und Radfahrer haben sich offenbar aneinander gewöhnt. Seit Juni 2016 ist die Offenbacher Fußgängerzone für Pedalritter freigegeben. Die meisten halten sich ans erlaubte Schritttempo. Ähnliche Regelungen gibt es mittlerweile in vielen Städten.

Offenbach - Bevor es im Juni 2016 erlaubt wurde, war das Radeln in der Fußgängerzone ein kontrovers diskutiertes Thema. Die Reaktionen auf den Beschluss reichten seinerzeit von „längst überfällig“ bis zu „jetzt ist legalisiert, was ohnehin nicht zu verbieten ist.“ Wie sieht es zwei Jahre später aus? Hat sich alles eingespielt? Ein Erfahrungsbericht. Von Matthias Dahmer 

Ich befinde mich sozusagen in bester Gesellschaft, als ich an diesem sonnigen Vormittag am Verlagshaus in der Waldstraße starte: Alte, Junge, E- und Mountainbiker, Genuss- und Kampfradler sind auf dem Weg der alten Industriebahn Richtung Ring-Center unterwegs. Sollte die Fahrradstadt Offenbach gar schon Realität sein? Ganz so weit sind wir dann doch noch nicht, wie sich wenig später auf der Senefelderstraße Richtung Innenstadt zeigt. Besonders im Abschnitt zwischen Odenwald- und Starkenburging. Wo ich mir via Beschilderung den Platz mit Fußgängern auf einem Gehweg teilen muss, der für die einen Stolperfalle und für die anderen wenig reifenschonendes Geläuf ist. Dass ein herrenloser Einkaufswagen den Weg blockiert, ist da fast schon Nebensache. Weiter geht’s auf der Senefelder, durch den Tunnel an der Marienstraße, den auch schon mal schönere Graffiti geziert haben, über die noch schläfrige Groß-Hasenbach-Straße bis zum südlichen Ende der Herrnstraße. Der Selbstversuch beginnt.

Der erste Eindruck: Alles ziemlich entspannt. Auf den ersten 100 Metern bis zur Großen Markstraße ist richtig viel Platz, enger wird’s zur Frankfurter hin, wo Werbeaufsteller und Ein-Euro-Wühltische zu mehr Vorsicht zwingen. Aber radeln in der Fußgängerzone ist ohnehin nichts für Geschwindigkeitsfanatiker, erlaubt ist schließlich nur Schritttempo. Damit alles reibungslos klappt, ist seitens der Pedalritter Rücksicht und seitens der Fußgänger Verständnis angesagt.

Letzteres ist vorhanden, wie mein weiterer Weg durch die Herrnstraße zeigt. Keine bösen Blicke, kein Gemecker auf dem Rundkurs über Hugenotten- und Marktplatz zurück in die Frankfurter Straße. Ganz wichtig dabei: Blickkontakt mit den Passanten. Ohne den ist ein konfliktfreies Nebeneinander kaum möglich. In der Frankfurter erstaunt, wie ein einstiges Reizthema offenbar Normalität geworden ist. Radler gehören zum Straßenbild ebenso wie die schon am Vormittag gut besetzten Stühle und Tische, welche die Gastrobetriebe rausgestellt haben. Auffällig auch: Jede sich bietende Gelegenheit zum Fahrrad-Abstellen ist genutzt, es könnten offenbar noch mehr sein.

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Auch der weitere Verlauf des Selbstversuchs gestaltet sich unspektakulär. Durch die Frankfurter bis zur Kaiserstraße, von dort wieder in die Große Markstraße Richtung Marktplatz. Allein im Abschnitt zwischen Herrnstraße und Marktplatz wird es nochmal eng, für die Seniorin mit dem Rollator und die Mutter mit dem Kinderwagen, die nebeneinander entgegenkommen, muss man als Radfahrer schon mal absteigen. Ist es Zufall oder der Tageszeit geschuldet: Rad-Rüpel sind mir keine begegnet. Zum Schluss noch einen Abstecher auf dem Wilhelmsplatz: Die gemächliche Umrundung des Wochenmarkts endet mit dem Gedanken, dass der schönste Fleck in der Innenstadt ohne Autos noch schöner wäre. Aber das ist eine andere Geschichte...

„Am Anfang gab es unkonkrete Beschwerden, aber mittlerweile ist das Radfahren in der Innenstadt für uns kein herausragendes Thema mehr.“ Das Fazit von Ordnungsamtschef Peter Weigand betätigt die Beobachtung beim Selbstversuch. Der Behördenleiter weist zudem darauf hin, seine Innenstadt-Streifen seien angehalten, Radler anzusprechen, wenn sie schneller als mit Schritttempo unterwegs sind. Persönlich fahre er nicht gerne mit dem Rad durch die Fußgängerzone, sagt Weigand. Die Hälfte der Fußgänger schaue aufs Handy oder höre Musik und nehme ihre Umwelt nicht wahr. Weigand: „Da bin ich auf der Straße schneller.“

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Grundsätzlich sei die Freigabe eine richtige Entscheidung gewesen, blickt Wolfgang Christian vom ADFC zurück. Auch wenn man damit nur einen bestehenden Zustand legalisiert habe. Es gebe zwar nach wie vor „wilde Radler“, vor allem Jugendliche, doch die Mehrzahl verhalt sich vernünftig. Das kann Helma Fischer, Chefin der Steinmetz’schen Buchhandlung in der Frankfurter, als Beobachterin nur bestätigen. Die Möglichkeit des Radelns in der Fußgängerzone werde von allen Altersgruppen gut angenommen. Mitunter würden Kunden nur über zu wenig Abstellplätze klagen. Auch Helma Fischer fallen die jugendlichen Raser auf. „Manche meinen wohl, sie müssten die Tour de France gewinnen. Das hat es aber schon immer gegeben.“

Noch deutlicher wird Ulrike Schmittinger, Geschäftsführerin des Schuhhauses Pauthner: „Es hat sich nicht viel geändert. Viele fahren immer noch zu schnell, und das wird kaum kontrolliert.“

Hintergrund

Das Radfahren in der Fußgängerzone ist in Offenbach seit Juni 2016 erlaubt. Die Freigabe war zunächst auf ein Jahr angelegt, im Zuge des Bundesprojekts „Mit dem Rad zum Einkauf in die Innenstadt“ begleitete die Fachhochschule Erfurt das Vorhaben wissenschaftlich. Deren Fazit Ende des vergangenen Jahres: Man hat sich arrangiert. Eine „signifikante Zunahme problematischer Interaktionen“ konnte nicht ausgemacht werden. Im Gegenteil: „Das Verhalten der Radfahrer hat sich eher positiv entwickelt, was Geschwindigkeit, Abstandsverhalten und Fahrweise betrifft“, hieß es im Abschlussbericht.

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