Es geht auch um Fußgänger

Radentscheid Offenbach: Sicherheit ist größte Motivation

Jochen Teichmann forciert den Radentscheid.

Berlin ist der Vorreiter gewesen. In immer mehr Städten in Deutschland schließen sich Menschen in sogenannten Radentscheiden zusammen, um den Radverkehr in ihren Städten voranzubringen und gesetzlich zu verankern. Heißt: Die Radentscheide kommen in Fahrt. Auch in Offenbach.

Offenbach – Einer, der den Radentscheid forciert und mitgestaltet, ist Jochen Teichmann.

Herr Teichmann, die Einbahnstraßen und die Fußgängerzone sind für Radfahrer seit geraumer Zeit geöffnet, die Stadt plant mit dem Projekt Bike Offenbach neun Kilometer Fahrradstraßen. Wozu braucht es da ausgerechnet jetzt einen Radentscheid?

Die Öffnung der Einbahnstraßen und den Ausbau der Fahrradstraßen begrüßen wir sehr. Unser Ziel, ein lückenloses dichtes Netz aus Haupt- und Nebenrouten für Alltags- und Pendelverkehre mit dem Rad, ist in Offenbach nach wie vor nicht vorhanden. Barrierefreie Bordsteinkanten, ausreichende Radabstellmöglichkeiten, Grüne Welle fürs Fahrrad, das sind weitere Voraussetzungen, um mehr Menschen aufs Rad zu bringen. Hier denken wir auch an die vielen älteren MitbürgerInnen und Menschen mit Mobilitätseinschränkungen, die sich aktuell nicht trauen, in Offenbach Rad zu fahren und nicht zuletzt an die vielen Schüler, die ihre tägliche Fahrt zur Schule noch viel zu oft mit den Eltern im Auto zurücklegen.

Das hört sich nach Unzufriedenheit an...

Zwar ist es richtig, dass sich Offenbach bereits für den Radverkehr einsetzt. Hinweise und Beschlüsse der Stadtverordnetenversammlung gibt es viele. Aber Papier ist geduldig. Schon im Jahr 2008 waren die Radwege in Offenbach öffentlich auf dem Prüfstand. In 23 Punkten wurden hier die Mängel aufgezeigt. In einer aktuellen Überprüfung der Einzelpunkte haben wir festgestellt, dass sich in den 12 Jahren nur sehr wenig getan hat und die Sicherheit für die Radfahrenden sich in keiner Weise verbessert hat. Dies kann auch gerne auf unserer Webseite nachgelesen werden. Durch unser Bürgerbegehren, glauben wir, entsteht Druck auf Politik und Verwaltung, um das Ziel einer Fahrradstadt Offenbach zeitnah zu erreichen.

Wer steht denn hinter dem Radentscheid, und warum schließen sie sich nicht etwa dem lokalen ADFC an?

In der Initiative Radentscheid Offenbach haben sich Rad-, Verkehrs- und Mobilitätsbewegte OffenbacherInnen zusammengefunden, um gemeinsam Vorschläge für eine verbesserte Infrastruktur für Rad- und Fußverkehr zu erarbeiten. Viele von uns sind aktiv beim ADFC oder VCD in Offenbach und Hessen dabei. Gemeinsam wollen wir sichere, attraktive Radwege für Jung und Alt. Das verbindet uns.

Mit Verlaub – viele Autofahrer sehen Sie als losen Zusammenschluss von hoffnungslosen Träumern, Was entgegnen Sie solchen Stimmen?

Jede Neuerung beginnt mit einem Traum. Die Vision einer menschengerechteren Mobilität in Innenstädten hat sich in vielen europäischen Städten mittlerweile zu einer Realität entwickelt. In 35 Radentscheiden in Deutschland haben sich Menschen zusammen gefunden, um gemeinsam für ihre Ziele einzustehen. Auch in unseren Nachbarstädten Darmstadt und Frankfurt haben wir gesehen, dass das funktioniert.

Apropos. Beim großen Nachbarn hat der Magistrat den Radentscheid Frankfurt vor gut einem Jahr abgelehnt. Nimmt das der Offenbacher Initiative nicht bereits den ersten Schwung?

Da liegen Sie falsch. Der Frankfurter Radentscheid wurde nicht abgelehnt. Vielmehr wurde in den Verhandlungen mit dem Magistrat eine Einigung erzielt, die sogar einiges enthielt, was nicht zum Forderungspaket gehörte. Nach mehr als 40 000 Unterschriften unter den Forderungen des Radentscheids Frankfurt haben die Frankfurter FreundInnen das Sammeln abgebrochen, denn nur 15 000 Unterschriften waren gefordert, um das Bürgerbegehren erfolgreich zu gestalten. Dies zeigt deutlich den Wunsch der Menschen nach einer lebenswerteren Stadt auf und gibt unserer Initiative Rückenwind. Über die gemeinsamen Gespräche mit dem Magistrat wurden viele konkrete Vorschläge der Frankfurter Initiative übernommen und weitere werden folgen. Aktuell kann man das gut in der Hanauer Landstraße und in der Kurt-Schumacher-Straße sehen.

Mit einer pauschalen Forderung wie „Es muss besser werden für den Radverkehr“ ist es nicht getan. Haben Sie schon konkrete Forderungen an Lokalpolitik und Verkehrsplaner? Und wie bewerten Sie das, was aktuell in Offenbach unter Begriff „Fahrradstraßen“ umgesetzt wird?

Mit dem Konzept der Fahrradstraßen beweist die Verwaltung, dass ihr die Situation der Fahrradfahrenden wichtig ist. Dieses Nebenstraßenkonzept ist aber bei weitem nicht ausreichend, um viele Menschen in Offenbach aufs Rad zu bringen. Bei genauer Betrachtung bleiben die alten Probleme. Links und rechts parkende Autos und schneller Durchgangsverkehr mit vielen Konfliktsituationen, zwischen Autos einerseits und zu Fußgehenden und Radfahrenden andererseits. Wir wünschen uns, dass man sich an dem orientiert, was am besten funktioniert und das sind baulich getrennte, breite Radwege neben der Fahrbahn und getrennte, breite Fußwege für die Fußgänger. Unsere größte Motivation ist die Sicherheit der Menschen, die mit dem Rad und zu Fuß in Offenbach unterwegs sind. Im Moment sind wir dabei, unsere Forderungen auszuarbeiten, und diese werden wir den OffenbacherInnen in unserem Bürgerbegehren zur Unterschrift vorlegen. Wir freuen uns auf Mitstreiter. Einfach eine E-Mail an: mitmachen@radentscheid-offenbach.de

Und die aktuelle Corona-Pandemie? Hat diese auch irgendwelche Auswirkungen?

In der aktuellen Situation fordern wir die Einrichtung coronasicherer Rad- und Gehwege. Bürgerinnen und Bürger, die jetzt aufs Rad umsteigen, brauchen leicht zu findende und sichere Wege. Auch zu Fuß gehende Menschen brauchen dringend mehr Platz auf den Gehwegen, um den Sicherheitsabstand einhalten zu können. In einem Offenen Brief an unseren Oberbürgermeister Dr. Felix Schwenke haben wir konkrete Vorschläge gemacht, unter anderem die Verlegung von Radverkehr auf die Fahrbahn und Gehwege temporär verbreitern.

Unterm Strich gibt es für die lokalen Bemühungen in Sachen Radverkehr die Note...

Wir sind doch nicht in der Schule!

Die Fragen stellte Martin Kuhn

Infos im Internet gibt es auf radentscheid-offenbach.de.

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