Städtische Radtour

Radler erkunden Einbahnstraßen in Gegenrichtung

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Autofahrer müssen sich in vielen Einbahnstraßen in der Innenstadt daran gewöhnen, dass ihnen fortan Radfahrer entgegen kommen.

Offenbach - Radfahrer dürfen in vielen Einbahnstraßen der Stadt gegen die Fahrtrichtung fahren. Oberbürgermeister Horst Schneider testete nun mit interessierten Bürgern die praktische Tauglichkeit dieser Neuerung. Von Rebecca Röhrich 

In der Innenstadt geht es wuselig zu. Autos parken dicht an dicht, Fußgänger queren die Straße und Radfahrer rangieren um ausparkende Autos herum. Dazwischen eine Gruppe von 15 Radfahrern um Oberbürgermeister Horst Schneider und dem städtische Radverkehrsplaner Rolf Schmidt. Auch der Vorsitzende des ADFC-Offenbach Detlev Dieckhöfer ist mit seinem Lastenrad dabei. Mit knapp einem Meter Breite eignet es sich als ultimativer Test, ob es Rad und Auto auch in kleineren Straßen aneinander vorbei schaffen.

Hintereinander aufgereiht geht es die Speyerstraße hinauf, natürlich gegen die Einbahnstraße; für ein paar Teilnehmer ungewohnt. Aber die Piktogramme weisen den Weg. Am Beginn eines jeden Streckenabschnittes findet sich das weiße Rad auf dem Boden mit entsprechendem Pfeil. Ein Auto biegt in die Speyerstraße ab, bleibt stehen und lässt die Gruppe passieren. Ob es aus Rücksichtnahme oder aufgrund der großen Radlergruppe hält, ist nicht auszumachen. Und das ist auch das Problem dieses Testlaufs. Die Situation, wenn Fahrradfahrer und Auto aufeinandertreffen, ist in einer Gruppe wenig authentisch.

Critical Mass: Mehr als 200 Radfahrer gemeinsam unterwegs

Dann wird es etwas kompliziert. Um von der Speyerstraße auf die ebenfalls freigegebene Bernhardstraße zu gelangen, muss die Kaiserstraße über die Fußgängerampel gequert werden. „Da haben wir noch keine passende und bezahlbare Alternative gefunden“, erklärt Rolf Schmidt. „Wir können die Verkehrsteilnehmer nicht komplett voneinander trennen“, sagt der Radverkehrsplaner. Dazu fehlten der Stadt die Fläche und das Geld. So mussten an einigen Stellen Kompromisse gemacht werden, wie an der erwähnten Ecke Kaiserstraße/Speyerstraße. Langfristig gelte, den Mischverkehr vor allem in Wohngebieten umzusetzen.

Viele Teilnehmer sind Radler, die das Rad als Hauptverkehrsmittel nutzen. Und einige sorgen sich wegen des Konfliktpotenzials, was diese Regelung mit sich bringt. Schließlich müssen die Autofahrer Rücksicht nehmen und im Zweifelsfall anhalten. In vielen Wohngebieten begegnen sich auch Autos und da müsse auch eines warten, argumentiert Schmidt. Für die Radfahrer sei es nicht gefährlich gegen die Einbahnstraße zu fahren. Auch die Polizei bestätigt, dass es keine vermehrten Fahrradunfälle gebe.

Juliane Fath ist trotzdem skeptisch. Sie nutzt ihr Rad ausschließlich in der Freizeit und ist bei der Rad-Tour mitgefahren, um sich ein Bild von der neuen Situation zu machen. Es ärgert sie, dass Autofahrer gezwungen sind anzuhalten. Schließlich sei die neue Regelung Zugeständnis genug. „Die Radfahrer müssen auch mal Rücksicht nehmen“, findet die 37-Jährige. Ihre Freundin Annette Mank sieht das komplett anders. „Ich nutze mein Rad im Alltag“, erzählt sie. „Da möchte ich natürlich den kürzesten Weg nehmen.“ Die Einbahnstraßenlösung sei doch ein guter Kompromiss. Juliane Fath guckt skeptisch. Aber da geht es den beiden Frauen wohl wie allen anderen Verkehrsteilnehmern in Offenbach. Man muss sich manchmal eben arrangieren. In der Freundschaft und auch im Straßenverkehr. Das Lastenrad des ADFC hat es übrigens auch wohlbehalten durch die Straßen Offenbachs geschafft.

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