Rätsel um den Sonnengott

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Seine Vergangenheit ist weitgehend geklärt, seine Zukunft nicht: Der Sandstein mit der Darstellung des Sonnengottes Sol, ein Originalrelief des Schlosses aus der Mitte des 16. Jahrhunderts, lagert auf einem Wägelchen.

Offenbach - „Dieser Stein liegt schon seit Ewigkeiten herum“, sagt die junge HfG-Studentin, während sie den modernen Anbau des Isenburger Schlosses durchquert. „Immer wenn er im Weg ist, wird er einfach hin- und hergeschoben.“ Von Claus Wolfschlag

Es handelt sich offenbar um ein altes, aus dem Schloss stammendes Renaissance-Kunstwerk. „Doch woher stammt dieser ominöse Stein und wie kam er neben den neuen Schloss-Aufzug?“

Man grübelt, wie viele Kilo der große Sandstein auf die Waage bringen mag, der dort an einer Wand auf einem Wägelchen lagert. Schaut man genauer hin, erkennt man das Relief einer menschlichen Figur.

„Darstellung des Sonnengottes“

Helmut Reinhardt, der Leiter der städtischen Bauaufsicht, kann einordnen, womit man es hier zu tun hat: „Es handelt sich um eine Darstellung des Sonnengottes Sol. Das ist am Sonnensymbol in der Hand der Figur zu erkennen.“ Man habe also ein Originalrelief des Schlosses aus der Mitte des 16. Jahrhunderts vor sich. Doch weshalb hängt der Stein nicht mehr am Schloss? „Nun, man kann ihn heute noch an der Südfassade entdecken, allerdings nur als Kopie. Das Steinprogramm des Schlosses ist in der Vergangenheit ausgetauscht worden“, berichtet Reinhardt. Viele Originale seien danach im Keller verschwunden, ein Teil auch im heutigen Finanzamt. Dabei sei offenbar einiges verschollen. Wohin beispielsweise zahlreiche Löwenköpfe verschwanden, sei ebenfalls unbekannt.

Jürgen Eichenauer, Leiter des Hauses der Stadtgeschichte, verweist auf eine Quelle zu den Hintergründen des seltsamen Steinaustauschs. In einem Projekt des Germanischen Nationalmuseums Nürnberg über hessische Renaissanceschlösser hat sich der Kunsthistoriker Georg Ulrich Großmann auch mit dem Isenburger Schloss beschäftigt. In der zugehörigen Publikation heißt es: „Die gesamte Bauplastik wurde nach dem Zweiten Weltkrieg ausgetauscht. Die Originale verschwanden offenbar auf einer Müllkippe, einzelne Platten wurden auf Privatinitiative gerettet und in einer privaten Mauer verbaut.“

Beilage der Oberhessischen Presse

Großmann zitiert aus einer Beilage der Oberhessischen Presse vom September 1975: „Als in den Nachkriegsjahren die stark beschädigte Südfassade beim Wiederaufbau wiederhergestellt wurde, löste man auch das Sol-Relief aus den Arkaden und tat es achtlos auf den Schutthaufen im Schlosshof. Ein guter Geist hat es gerettet und heute befindet es sich in der Garagenwand gegenüber der Anlage an der Ludo-Mayer-Straße.“ Offenbar wurde aber diese Garagenwand im Zuge des Anbaus abgerissen. Die Steine verschwanden erneut aus dem öffentlichen Blickfeld.

Wohin diese gelangt sind, weiß Horst Nothnagel nicht. Er ist Leiter der Regionalniederlassung Rhein-Main des Hessischen Baumanagements. Das HBM verwaltet die im Landesbesitz befindlichen Liegenschaften. „Wir wissen auch nicht, woher dieser Stein kommt. Bei uns jedenfalls lagern keine Originalsteine, da wir nur über ein Büro verfügen, nicht aber über einen Bauhof oder ein Lapidarium.“ Wertvolle Dinge befänden sich in der Regel an Ort und Stelle.

„Oh ja, es gibt hier noch mehrere alte Steine“

„Oh ja, es gibt hier noch mehrere alte Steine“, weiß Kurt Herbert, der Hausmeister der HfG, zu berichten. Engagiert führt er über eine staubige Steintreppe hinab in den mit diversen Tüten, alten Waschbecken oder Eimern vollgestellten Keller des Schlosses. Dort unten findet man tatsächlich noch weitere Originale, fünf wuchtige Sandsteine, auf Holzpaletten lagernd, Wappen und einen Löwenkopf, wenngleich stark verwittert. „Die liegen schon ewig hier, seit vielen Jahren“, sagt Herbert. Auf die Frage, warum ausgerechnet der Sol nicht in den Keller, sondern auf das Wägelchen gekommen ist, zuckt er mit den Schultern. „Es hat sich nie jemand darum gekümmert. Er wird dort im Vorraum immer mal herumgerollt. Eigentlich ist das kein Zustand.“

Kein Fall für den Denkmalschutz? „Der betreffende Stein an sich ist kein Denkmal, sondern nur das Schloss als Ganzes“, sagt Helmut Reinhardt. „Da er vom Objekt entfernt wurde, genießt er keinen Schutzstatus mehr, und die Denkmalschutzbehörde hat keinen Zugriff.“ Man könne nur an die Hochschule für Gestaltung, die das Schloss nutzt, und das Hessische Baumanagement appellierten, pfleglicher mit den historischen Steinen umzugehen. Schließlich gehe es auch hier um den hehren Begriff der Gestaltung.

Jürgen Eichenauer hingegen signalisiert Bereitschaft, mindestens dem „Sol“-Relief Asyl zu gewähren. „Wir würden den Stein ins Stadtarchiv übernehmen“, sagt er. Das würde allerdings vermutlich Verhandlungen mit dem Land Hessen als Eigentümer bedeuten.

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