Wie Räuber und Gendarm

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Eintauchen in die liebste Beschäftigung vieler Jugendlicher: Wenige Eltern und zahlreiche professionell engagierte Erwachsene - unter anderem von Jugendamt, Schulamt oder Pro Familia - erprobten beim "Eltern-LAN" in der Stadthalle, wie es sich anfühlt, am Computer rennen zu fahren oder im Team Terroristen zu jagen.

Offenbach - „Ganz schön hektisch, das Autorennen hat mir mehr Spaß gemacht.“ Alfred Rauch hat gerade „Counterstrike“ gespielt. Jenes Spiel also, das nach dem Amoklauf von Winnenden als möglicher Auslöser von Gewalt wieder Schlagzeile gemacht hat. Von Julian Setzer

Viele sind unsicher, wissen nicht, wie damit umzugehen ist, wenn Kinder dauernd am Computer sitzen. Den meisten fehlt Einblick in die Spiele, mit denen der Nachwuchs ganze Tage verbringt. Um das zu ändern, waren Eltern und Pädagogen gestern zum Mitspielen in die Stadthalle eingeladen - bevor am Abend die Profis vor großem Publikum um Ruhm, Geld und Ehre zockten. (Einen Bericht über das Ligaspiel der Electronic Sports League, der Bundesliga für Computerspiele, lesen Sie in der Montagsausgabe.).

Zunächst konnten Eltern den berühmt-berüchtigten Ego-Shooter „Counterstrike“ ebenso ausprobieren wie „Trackmania“, ein Autorennspiel. Arne Busse von der Bundeszentrale für politische Bildung moderierte die „Eltern-Lan“ und gab neben einem generellen Überblick über das Phänomen „Computerspiele“ Hilfestellung bei den ersten Gehversuchen in der virtuellen Welt.

Counterstrike ist das Lieblingsspiel vieler Jugendlichen.

Das machte sichtlich Spaß. Schnell war ein Team-Captain bestimmt, der die Gruppe in den Kampf führen sollte. Aber: Wie brutal ist Counterstrike wirklich? „Ein Killerspiel ist das in meinen Augen nicht“, meint Rauch, der ausprobieren will, welche Spiele für seinen Enkel geeignet sind. „Das hier erinnert mehr an Räuber und Gendarm. Das habe ich als Kind doch auch gespielt - nur ohne Computer.“

Auch die Verantwortlichen im Offenbacher Rathaus wollten sich ein Bild machen und haben entschieden, dass Mitarbeiter des Jugendamts die Veranstaltung ebenfalls besuchen. Vorausgegangen war eine Entscheidung des Magistrats, den Wettkampf nicht abzusagen. Jugenddezernentin Birgit Simon hatte ein mögliches Verbot zur Diskussion gestellt, nachdem ein Spieltag von der Stadt Stuttgart bereits abgesagt worden war. Dessen Oberbürgermeister Wolfgang Schuster (CDU) wollte eine solche Veranstaltung angesichts der schrecklichen Ereignisse in Winnenden nicht akzeptieren.

Offenbach entschied sich gegen ein Verbot. „Der Magistrat ist zum Schluss gekommen, dass wir uns vor Ort damit auseinander setzen möchten“, sagt Simon. Eine Rolle dürfte gespielt haben, dass sonst Schadensersatzforderungen gegen die Stadt gedroht hätten. Die Verträge waren längst unterschrieben.

„Wir beobachten die Geschehnisse vor Ort sehr genau und werden auch anhand unserer Eindrücke entscheiden, ob so ein Ligaspiel und die Eltern-Lan wieder in Offenbach gastieren dürfen“,fasst Simon zusammen.

Wenn es nach Dr. Michael Koch vom Jugendamt geht, muss das nicht unbedingt sein. „Mir fehlt die kritische Auseinandersetzung mit dem Thema, auf die Suchtgefahr beispielsweise wird nur unzureichend hingewiesen“, kritisiert er. Er fragt sich, warum kein Medienpsychologe eingeladen wurde, der auch die Gefahren übermäßigen Computerkonsums transparent machen könne.

„Wichtig ist, dass Eltern Grenzen setzen und auch auf Alternativen zum Zocken am PC aufmerksam machen“,findet Koch. Großpapa Alfred Rauch aber hat die Eltern-Lan richtig gut gefallen. „Das nächste Mal komme ich bestimmt wieder“,verspricht er. Wenn es denn ein nächstes Mal gibt.

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