Aus dem Rathaus gemobbt

Offenbach - Vom Amtsleiter zum Opfer: Die traurige Karriere des Joachim Springer in der Stadtverwaltung

An Baudirektor Joachim Springer scheiden sich im Offenbacher Rathaus die Geister. Die einen halten ihn für jemanden, der sich erfolgreich vorm Arbeiten drückt. Die anderen sehen in ihm einen engagierten Stadtplaner und Amtsleiter, der sich nicht hat verbiegen lassen. Einer, der machtbewussten Dezernenten wie Stephan Wildhirt, Gerhard Grandke oder Horst Schneider (alle SPD) widersprochen hat, wenn er es fachlich für geboten hielt. Und der sich dabei nicht immer in der hohen Kunst der Diplomatie übte.

„Es wird ja oft das Loblied auf den mündigen Mitarbeiters gesungen, aber im Alltag der Offenbacher Verwaltung ist vorauseilender Gehorsam dann doch lieber gesehen“, so umschreibt ein früherer Mitarbeiter Springers, der namentlich nicht genannt sein will, den Ausgangspunkt für einen sich immer weiter zuspitzenden Konflikt.

Um den unbequemen Amtsleiter kaltzustellen, habe der damalige Bürgermeister Wildhirt bereits 1998 das Amt für Stadtplanung auflösen lassen und Springer so um seine Leitungsfunktion gebracht. Horst Schneider, der Wildhirt mittlerweile als Bürgermeister und Planungsdezernent beerbt hatte, komplettierte die Demontage vor fünf Jahre, indem er auch noch die Abteilung auflöste, die Springer zunächst weiterleiten durfte.

In der Folge beschäftigte die Stadt den früheren Amtsleiter an allen möglichen Stellen der Verwaltung. Und betraute ihn nach seiner eigenen Wahrnehmung vorzugsweise mit „Papierkorbaufgaben“. In einem dicken Mobbing-Protokoll, das Springer angefertigt hat, sind Arbeitsaufträge weit unter seiner Qualifikation ein häufig wiederkehrendes Motiv.

Als ersten Mobber verzeichnet das Protokoll allerdings Bürgermeister Stephan Wildhirt, der 1997 von seinem Amtsleiter fordert, er solle sein Mandat, das er als Grüner Abgeordneter beim Verbandstag des Umlandverbands hatte, niederlegen. Wildhirt sieht eine Interessenskollision, Springer nicht. Der Amtsleiter bleibt Abgeordneter. Als Folge verzeichnet das Mobbing-Protokoll: „Anschreien, Drohungen und ständige Kritik“.

Die im Protokoll verzeichneten Mobbing-Auswüchse nehmen immer absurdere Züge an: Im Sommer 2005 sei ihm untersagt worden, E-Mails zu verschicken, die nicht vorher von Bauamtsleiterin Susanne Schöllkopf abgesegnet worden sind. Ein Jahr später habe man ihn aus dem internen Rathaus-Telefonverzeichnis getilgt. Zwischendurch blamiert man Springer, indem man ihn mitnimmt zu einem offiziellen Gespräch über den Flächennutzungsplan, aber ihn von allen Informationen fern hält.

So jedenfalls erlebt Springer den Umgang der Vorgesetzten mit seiner Person. Offiziell will das Rathaus keine Stellung nehmen zu den Vorwürfen. „Das ist eine interne Personalangelegenheit“, sagt der auch des Mobbings beschuldigte Oberbürgermeister Schneider. Unter der Hand heißt es von offizieller Seite, Springer habe sich Vermittlungsversuchen widersetzt und es darauf angelegt, nicht mehr an seinem Arbeitsplatz erscheinen zu müssen.

Das bestreitet der Baudirektor. „Unter vernünftigen Umständen hätte ich gerne weiter gearbeitet“, sagt er. Nun bleibt er stattdessen mit vollen Bezügen (Besoldungsgruppe A 15, knapp 5 000 Euro monatlich) zu Hause. Das sieht ein vom Verwaltungsgericht Darmstadt vorgeschlagener Vergleich vor, dem Stadt und Mitarbeiter zugestimmt haben. Geklagt hatte Springer eigentlich auf „amtsangemessene Beschäftigung“.

Im Vergleich des Gerichts wird ein Aktenvermerk des Regierungspräsidiums Darmstadt, Abteilung Arbeitsschutz und Umwelt, zitiert: „In der momentanen Arbeitssituation kommt der Arbeitgeber seiner Pflicht nicht nach, gesundheitlich zuträgliche Arbeitsbedingungen zu gewährleisten.“

Da mehrere Mediationsverfahren ergebnislos beendet worden sind, hatten die Richter offenbar wenig Hoffnung, dass es für Springer noch einmal ein gedeihliches Arbeiten im Rathaus geben könnte. Und so wird der 62-Jährige nun zwei Jahre fürs Daheimbleiben bezahlt und wechselt dann in den vorzeitigen Ruhestand.

In den vergangenen Jahren habe Springer hauptsächlich Dienst nach Vorschrift geleistet und nur das Notwendigste getan, bescheinigt ihm jener frühere Mitarbeiter, der ihn als Amtsleiter schätzte. Springers Verweigerungshaltung ist für diesen Kollegen „zum Teil nachvollziehbar“ nach all den Degradierungen, die sein Ex-Chef erdulden musste.

Ein anderer Rathaus-Mitarbeiter, der ebenfalls nicht genannt werden will, hält Mitleid mit Springer für verfehlt. Der Baudirektor habe schamlos das Beamtenrecht ausgenutzt und hätte in der freien Wirtschaft nie diese Narrenfreiheit wie im Rathaus genossen. Seine Unbeliebtheit bei den Kollegen spiegele sich auch im Ergebnis der jüngsten Personalrats-Wahlen, da habe Springer nur 19 von 306 abgegebenen Stimmen erhalten.

Rathaus-Personalrätin Monika Krotter-Hartmann zeigt sich dagegen erschüttert darüber, wie unfair mit einem Kollegen umgegangen worden ist. Und sie hat auch eine Erklärung dafür, wie aus einem Amtsleiter ein Mobbing-Opfer werden konnte: Springer habe „Ziele wie Transparenz oder Mitarbeiterbeteiligung ernster genommen, als sie gemeint waren.“ Auch darum sei er angeeckt.

Langweilig aber dürfte dem Städteplaner, der auch schon in Frankfurt und Bad Homburg gearbeitet hat, nicht werden. Er hat mittlerweile einen Verlag (Qatorse) gegründet und bereits zwei Kriminalromane veröffentlicht. Ein dritter ist in Arbeit. Insbesondere im ersten Buch „Geschmierter Beton“, der auf Bauwesen, Kommunalpolitik und Stadtverwaltung als Handlungsbasis zurück greift, erkennen Insider viele Anspielungen auf Offenbach - auch wenn die Handlung in Frankfurt spielt. So weist Roman-Bürgermeister Windmann Ähnlichkeiten mit Wildhirt auf, und Kämmerer Ehrenhardt teilt manche Eigenschaft mit Grandke. Das Buch ist für 9,80 Euro im Handel erhältlich.

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare