Prozess vor Amtsgericht

Beute bei Raub: Windeln statt Handys

Offenbach - Der Angeklagte: Nabil D. , 22 Jahre alt, Deutscher marokkanischer Herkunft, wohnhaft in Lauterborn, zur Zeit JVA Wiesbaden, bei der Polizei aktenkundig in 107 Fällen unter anderem wegen Diebstahls, Betrugs, Hausfriedensbruchs und Unterschlagung. Von Matthias Dahmer

Der Zeuge A.: 17 Jahre alt, Deutscher mit ebenfalls marokkanischen Wurzeln, Adresse in Lauterborn, 69 Fälle, unter anderem Hehlerei, Körperverletzung, Diebstahl. Die unfreiwilligen Hauptdarsteller der gestrigen Verhandlung vorm Amtsgericht scheinen geradewegs der Offenbacher Polizeistatistik über Mehrfach- und Intensivtäter entsprungen zu sein. Zudem drängt sich bei diesem Prozess um Raub und versuchten Betrug zeitweise der Eindruck auf, im Stadtteil Lauterborn entwickele sich ein rechtsfreier Raum, in dem kriminelle Jugendliche das Kommando übernommen hätten.

Zu verhandeln haben Richter Manfred Beck und seine beiden Schöffen den Überfall auf zwei DHL-Zusteller am 7. August des vergangenen Jahres auf dem Händelplatz in Lauterborn. Die Angestellten der Tochter der Deutschen Post, ein Mann und eine Frau aus Ungarn, die beide kein Deutsch sprechen, werden von zwei Tätern im Hausflur eines Wohnhauses niedergeschlagen. Statt des Päckchens mit iPhones, das die Zustellerin trotz der Schläge festhält, greifen sich die Räuber zwei große Pakete auf der Sackkarre. Sie enthalten Windeln.

Nabil D., der gestern in Handschellen in den Saal geführt wird, räumt zunächst die drei ihm zu Last gelegten Fälle von versuchtem Betrug ein: In den Wochen vor dem Überfall bestellte er drei Mal bei verschiedenen Anbietern iPhones unter falschem Namen. Weil er bei Anlieferung unter seiner Wohnadresse in Lauterborn jeweils keinen auf den Namen des Bestellers lautenden Ausweis vorweisen kann, nimmt der Zusteller die Sendungen wieder mit.

Polizei muss Zeugen zum Gericht bringen

Mindestens in einem Fall sei der Zusteller dabei von Jugendlichen bedroht worden, verweist Richter Beck auf die Zeugenaussage in den Akten. Danach bekam der DHL-Fahrer von den Jugendlichen zu hören: „Gib das Paket her, wir herrschen hier im Stadtteil.“ Beck konfrontiert Nabil D. mit dem Eindruck der Zusteller, wonach sich die Polizei zu wenig um die Vorfälle in Lauterborn kümmere. Bestreiten will der Angeklagte das nicht.

An dem Raubüberfall am 7. August 2013 will D. indes nicht beteiligt gewesen sein. Er habe lediglich die Taxis bestellt, mit denen die drei anderen Täter geflüchtet seien. Es sei vereinbart worden, dass er einen fairen Anteil an der Beute – per Nachname bestellte iPhones im Gesamtwert von 1300 Euro – erhalten. Einen Täter, sagt Nabil D., kenne er namentlich, die anderen seien ihm nicht bekannt. Der von ihm benannte angebliche Räuber ist der 17-jährige A. Gegen ihn läuft aufgrund der Anschuldigungen von Nabil D. ein getrenntes Verfahren wegen des Raubüberfalls.

Gestern ist er als Zeuge geladen. Er erscheint erst, als eine von Richter Beck beauftragte Polizeistreife ihn beim Gericht abliefert. „Ich habe den Termin verpeilt“, zuckt A. bedauernd mit den Schultern. Darüber belehrt, dass er nichts sagen müsse, was ihn belasten könnte, entgegnet A. lediglich, er habe mit der ganzen Sache nichts zu tun. Den Angeklagten kenne er „nur so von der Gegend“.

Spektakuläre und kuriose Raubüberfälle

Spektakuläre und kuriose Raubüberfälle

Ob ihm denn nichts von der Anklage auch gegen ihn wegen des Raubüberfalls bekannt sei, will der Staatsanwalt wissen. Erneut zuckt A. mit den Schultern. Manfred Beck meint lakonisch, bei so vielen Anklagen könne man schon mal den Überblick verlieren. A.s Strafregister fülle zwei Seiten. Nicht nur bei A. macht der Richter deutlich, was er von ihm hält: „Sie erzählen Lügengeschichten. Es ist schwer, Ihnen zu glauben“, sagt Beck gleich zu Anfang der Verhandlung zu D. und bezieht sich dabei auf dessen unterschiedliche Angaben im Ermittlungsverfahren.

Dass auch die gestrige Version des Angeklagten möglicherweise nicht der Wahrheit entsprechen könnte, legt die vom Dolmetscher übersetzte Aussage der ungarischen DHL-Zustellerin nahe: Die 22-Jährige, die mittlerweile wieder in ihrer Heimat lebt und extra zum Gerichtstermin angereist ist, erkennt Nabil D. „zu 99 Prozent“ als den Täter wieder, der sie im Hausflur am Händelplatz zusammengeschlagen hat. Ob Zeuge A. als der zweite Täter in Betracht kommt, vermag sie nicht zu sagen. Der Mann war beim Überfall maskiert. Nabil D., der sich nach dem Hauptschulabschluss und abgebrochener Realschule bislang nur mit Gelegenheitsjobs und Straftaten über Wasser hielt, macht derzeit im Gefängnis in Wiesbaden eine Ausbildung. Der Prozess wird fortgesetzt.

Rubriklistenbild: © dpa

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