4 800 Giftstoffe in einem Zug

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So klingen rauchfreie Herzen: Martin und Aydarus lauschen mit dem Stethoskop. Beverly (hinten links) hört Minas Lunge ab.

Offenbach - Rauchen als Zeichen von Coolness und Männlichkeit? Die Schüler runzeln die Stirn. „Man kriegt Pickel und schwarze Zähne“, meldet sich Lennox zu Wort. Weitere Finger schnellen hoch. Von Veronika Szeherova

„Lungenkrebs“, „Raucherbeine“, „Abhängigkeit“ und „weniger Leistungsfähigkeit beim Sport“ nennen Jugendliche spontan als Auswirkungen des Rauchens. Die Klasse 7f der Leibnizschule scheint den Glimmstängeln nicht besonders gewogen zu sein.

Damit das so bleibt, hat die Deutsche Herzstiftung Raucherpräventionstage ins Leben gerufen. Auch an dem Offenbacher Gymnasium gibt es seit sieben Jahren jährlich Kurse für alle Siebtklässler. So auch in dieser Woche. „Elf, zwölf, 13 Jahre ist das Haupteinstiegsalter fürs Rauchen“, weiß Heilpraktikerin Jule Thomas, die zusammen mit dem Offenbacher Kardiologen Dr. Thomas Frühauf die Kurse an der Leibnizschule leitet. „Wir wollen die jungen Leute noch vorm Einstieg informieren.“ Sie betont vor der Klasse, dass sie nicht gekommen ist, um das Rauchen auszureden. „Es ist immer eure eigene Entscheidung.“

In einer multimedialen Präsentation zeigen die Experten, dass die Warnungen auf den Zigarettenpackungen nicht nur Schall und Rauch sind. Mehr als 4 800 Giftstoffe finden sich in einer Zigarette – darunter Chemikalien wie etwa in Reinigungsmitteln und Rattengift. Statistisch gesehen stirbt jeder zweite Raucher an den Folgen seiner Sucht. 40.000 Menschen erkranken jährlich in Deutschland neu an Lungenkrebs, weil sie rauchen. 80 Prozent der Raucher würden gern aufhören, doch lediglich fünf Prozent schaffen es.

„Nicht nur Nikotin macht süchtig, sondern auch das Ritual rund ums Rauchen“, erläutert Thomas. Deshalb würden Nikotinpflaster oft nicht helfen. Sie stellt das Bild einer gesunden Lunge dem einer schwarzer Raucherlunge mit stark vergrößertem Herzen gegenüber. „Wenn mein Vater seit 30 Jahren raucht, hat er auch so eine Lunge?“, will ein Mädchen wissen.

Dass organische Schäden irreparabel sind, selbst wenn man mit dem Qualmen aufgehört hat, macht die Schüler nachdenklich. Sorge um die rauchenden Eltern wird deutlich – und Frust. „Warum werden Zigaretten denn nicht verboten, wenn man doch weiß, wie ungesund sie sind?“, fragt ein Junge.

Mit einem Stethoskop geht es zum praktischen Teil. Die Siebtklässler messen ihren Puls im Ruhezustand und nach einer Bewegungsphase. Etwa fünf Liter Blut pumpt ihr Herz pro Minute – der übliche Wert bei gesunden Menschen – bei Leistungssportlern in Aktion sind es bis zu 25 Liter. In einem Lehrfilm erzählt ein Mann, wie er als ehemaliger starker Raucher mit nur 21 Jahren einen Herzinfarkt erlitt. Sein Herz pumpt nur noch zwei Liter pro Minute. Er kann sich nicht mehr anstrengen, bekommt keine Arbeit.

„Den Schülern geht das nahe, was wir erzählen“, sagt Thomas, die nahezu jede Woche an unterschiedlichen Schulen zu Gast ist. Es habe sSituationen gegeben, in denen Jugendliche angefangen hätten zu weinen. Oft kommen nach den Kursen Schüler zu ihr, um weitere Fragen zu stellen oder sich konkrete Tipps einzuholen, wie sie mit dem Rauchen aufhören können. „Das ist für uns eine Bestätigung, dass wir auf dem richtigen weg sind“, so die Heilpraktikerin.

Es gehe bei den Präventionskursen darum, Wissen zu vermitteln. „Ziel ist es nicht, zu schockieren oder Ekel zu erregen – dann könnten wir viel schlimmere Bilder zeigen als die Raucherlunge.“ Umfragen bei Schülern drei Jahre nach dem Kurs hätten ergeben, dass sie sich noch an die Inhalte erinnerten.

Etwa daran, dass die beliebten Wasserpfeifen keineswegs harmlos sind. Im Gegenteil. Eine Shishasitzung entspricht in der Giftaufnahme bis zu 100 Zigaretten. Oder daran, dass Passivrauchen noch gefährlicher ist als Aktivrauchen. Erfreulich: Seit dem gesetzlichen Rauchverbot in öffentlichen Räumen ist die Zahl der Herzinfarkte um 26 Prozent zurückgegangen.

Die Schüler der Klasse 7f haben ihre Entscheidung vorerst getroffen. „Ich wusste, dass Rauchen nicht gesund ist, aber dass es so schlimm ist, habe ich nicht gedacht“, sagt die 13-jährige Mina. „Dass da Reinigungszeug und Rattengift drin ist, das ist eklig. Ich lass es lieber bleiben.“

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