Raus aus der Karnevalsschublade

+
Und jetzt alle auf einmal: Garde- und Schautanz ist zweifellos ein Sport für Menschen, die keine Scheu vor der Bühne haben.

Offenbach - Das Alphabet hat gerade mal 26 Buchstaben, die Republik aber unzählige Verbände. Und jeder von ihnen firmiert unter einer Abkürzung. Da sind Dopplungen unvermeidlich. Von Marcus Reinsch

Wer also Genaues darüber wissen will, was dieser DVG eigentlich so macht, der weiß besser schon Grundsätzliches, bevor er sträflich unbedarft durchs Internet googelt.

Oder er zahlt den Preis und arbeitet sich durch die Seiten der Duisburger Verkehrsgesellschaft, der Deutschen Veterinärmedizinischen Gesellschaft und der Deutschen Vereinigung für Gestalttherapie bis zum Auftritt des Deutschen Verbandes für Garde- und Schautanzsport. Der erklärt dann aber zum Trost auch sehr gut, was am Wochenende Tausende in Offenbachs Stadthalle rief: die 25. Deutschen Meisterschaften.

Also Karnevalisten-Kongress mit Tanzeinlage und Pokalparade? Ist mitten im April ernstzunehmen, was man doch eigentlich seit Aschermittwoch bis zum nächsten Elftenelften eingemottet geglaubt hat?

Ganz böses Foul. Aber Stephan Karaiskos ist im Schnellverdauen solcher Ketzereien ebenso trainiert wie in der dann fälligen Aufklärung über das Gebot, den Hochleistungsspott bekennender Fastnachter nicht mit dem Hochleistungssport vieler ganz anders ambitionierter Freudemacher in einen Topf zu werfen. Karaiskos ist Vizepräsident des DVG, Vorsitzender des mit der Ausrichtung dieses Gipfeltreffens beauftragten Tanzsportclubs Schwarz-Gold Frankfurt und quasi auch Gleichstellungsbeauftragter.

Angesichts nur weniger Männer und Jungs in den dem DVG deutschlandweit knapp 500 angeschlossenen Vereinen wäre eine Frauenquote zwar natürlich ein Witz. Doch dass der Garde- und Schautanz irgendwann auch nur annähernd die gleiche öffentliche Wahrnehmung und Anerkennung genießt wie die Disziplinen, aus dem er seine Choreographien kombiniert - Turnen, rhythmische Sportgymnastik, klassisches Ballett -, das ist ein noch unerfüllter Traum.

Wer sagt denn, dass sich Offenbacher in Frankfurt immer nur unterbuttern lassen? Bei Guntida Rombach (oben) besteht da keine Gefahr. Sie tanzt für den TSC Schwarz-Gold Frankfurt, wohnt in Bürgel und ist jetzt Deutsche Vize-Meisterin im Gardetanz-Solo.

Es gibt zu wenige Berührungspunkte mit dem Nischensport. Und wo es welche gibt, droht entweder die besagte Gefahr, in der Karnevalsschublade gefangen zu werden - oder vereinzelt von Zeitgenossen bewundert zu werden, die alles andere als sportliche Interessen haben. Dass Spanner mit Digitalkameras auftauchen, um vom Bühnenrand aus kleine Mädchen gezielt unter den Rock zu fotografieren, hat Stephan Karaiskos schon oft erlebt. „Das sind meist Männer ab 40. Die werden von uns des Saales verwiesen und verwarnt, bekommen Turnierverbot, falls sie wieder auffallen. Pädophilie, da werde ich richtig böse.“ Da seien dann auch Anzeigen drin. Die Vereine schützen sich und ihre Aktiven auch vor solchen Kranken, indem sie Verdächtige auf eine schwarze Liste setzen, die von Veranstalter zu Veranstalter weitergereicht wird.

Generell sind Besucher, die keinen persönlichen Bezug zum Tanzsport haben, eher seltene Erscheinungen bei Turnieren. Und auch in der Offenbacher Stadthalle, die der TSC Schwarz-Gold Frankfurt wegen seiner idealen Größe und des, wie Karaiskos würdigt, „total zuvorkommenden Personals“ gewählt hat, besteht das Gros der Menschen aus Freunden, Verwandten und Schlachtenbummlern der Aktiven.

Die Elite des Bühnensports tritt nicht in annähernd so vielen Ligen und Altersgruppen an wie beispielsweise im Fußball, bei dem es Abstufungen bis hinunter zur Pampers-Elf schwer machen, am Ende einer Saison ohne irgendeinen Pokal dazustehen. Im durchaus auch im Breitensport gut aufgestellten Garde- und Schautanz wird zwischen Schülern, Jugendlichen Erwachsenen unterschieden und zwischen B-Klasse (Anfänger und Reinschnupperer), A-Klasse (Fortgeschrittene mit einer oder zwei Trainingseinheiten pro Woche und Turnier-Debütanten) und S-Klasse. Bei letzteren, erklärt Karaiskos, „geht es um die Wurst. Die trainieren drei, manche fünfmal die Woche und kämpfen um Titel.“ Die gibt es im Gardetanz für die Kategorien Marsch, Solo, Paartanz, Polka und Gardetanz mit Hebefiguren, im Schautanz für Solo-, Duo-, Charakter-, Freestyle- und Modernem Tanz.

Und auf keinen Fall gibt es sie für tänzerisches Mittelmaß. Dafür sorgt ein Pool aus über Jahre hinweg geschulten Wertungsrichtern. Jeweils sieben von ihnen, bei der Deutschen Meisterschaft zwei mehr als bei kleineren Turnieren, hocken in der abgedunkelten und vom TSC mit allerhand Lichttechnik und einer Lasershow aufgerüsteten Stadthalle hinter Computern, notieren Dinge, die Otto-Normalzuschauer auch mit Mühe nicht wahrnimmt. Wer Punkte haben will, muss jeden Schritt, jede Drehung, jeden Hüpfer so ausführen, wie es im Regelwerk des Verbandes steht. Passt die Grundkörperhaltung? Sind die Fußspitzen gestreckt? Wirkt das Ganze noch souverän? Die Tänzerinnen können zwar hoffen, dass kleine Fehltritte nicht auffallen. Und bei manchen hinter den Reflexionen von tausenden auf ihre Anzüge geklebten Swarowski-Glitzersteinchen kaum noch erkennbaren Mädchen hat das Auge auch tatsächlich ein Problem, scharfzustellen. Doch letzlich hilft nur Können weiter, wie Wertungsrichterin Esther von der Pütten-Bluhm, einst Aktive und nun Trainerin bei der Sportvereinigung Oedheim, versichert.

Draußen im Stadthallen-Foyer kämpft derweil Christa Schmidt -Holzhauer in einer ganz anderen Disziplin ein konkurrenzloses Solo. Sie war vor 25 Jahren Gründerin des Deutschen Verbandes für Garde- und Schautanzsport und dessen erste Präsidentin, weil sie als Vorsitzende des TSC Schwarz-Gold Frankfurt wollte, dass diese Kunst mehr als zuvor auf die sportliche Schiene gehoben wird. Heute hat die 70-Jährige das Amt der Kassiererin inne, „was ja auch wirklich genug ist“, wie sie sagt. Was drinnen vor sich geht, bekommt sie mit, obwohl es schon nicht einfach ist, die Wünsche der Kartenkäufer durch die kleinen Löcher im Glas ihrer Loge immer richtig zu verstehen. Aber im Zehn-Sekunden-Takt schauen Helfer vorbei und berichten, was der Nachwuchs macht. Und das ist Christa Schmidt-Holzhauer mittlerweile genug.

Kommentare