Raus aus der „Null-Bock-Phase“

Offenbach - Das Bild des lust- und motivationslosen Schülers ist allgegenwärtig: Wie er nach dem Unterricht den Ranzen in die Ecke knallt, sich in sein Zimmer zurückzieht und statt ein Buches zu lesen sich seiner Spielkonsole widmet. Hausaufgaben? Nein, danke. Lernen? Braucht kein Mensch! Von Jörn Polzin

„Null-Bock-Phase“ nennt sich dieses Phänomen im Jargon der Jugendlichen. Ein Zustand, der bei Eltern und Lehrern die Alarmglocken schrillen lässt – zumindest aber schrillen lassen sollte. Denn: Diese Anzeichen sind nicht selten die ersten Schritte auf dem Weg zum Schulverweigerer. Und zu dem, was Dr. Peter Bieniussa, sehr bildhaft als „Absprung ins Nirwana“ bezeichnet. Der Leiter des Staatlichen Schulamtes kennt diese Fälle, die bedauerlicherweise nicht selten sind – wie die Statistik belegt.

Jährlich verlassen bundesweit 60.000 Jugendliche die allgemeinbildenden Schulen ohne Abschluss. In Offenbach sind es zumeist knapp unter 100 und damit 20 Prozent der Gesamtschülerschaft. Werte, die aufhorchen lassen. Bürgermeisterin Birgit Simon bezeichnet die Zahlen kurz und knapp als „Fiasko“.

Drei Hauptschulen beteiligt

Das Modellprogramm „Jugend stärken - aktiv in der Region“ soll nun jene Gruppe von Sorgenkindern auffangen. Das Projekt hat zum Ziel, die Jugendlichen beim Übergang in Ausbildung und Beruf zu unterstützen und in die Regelschule zu reintegrieren. Dafür stehen der Stadt für den Projektzeitraum bis Ende 2013 insgesamt 750.000 Euro zur Verfügung. Aus dem Europäischen Sozialfonds (ESF) kommen 600.000 Euro, die Stadt steuert – quasi als Gegenleistung – 150.000 Euro bei. Das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend fördert mit 17 Millionen Euro insgesamt 36 ausgewählte Städte und Landkreise – darunter Offenbach.

„Es geht um viel Geld, das gut angelegt sein muss“, meint Simon, die auf die Schnittstelle von Jugendhilfe und Schule vertraut. Und das funktioniert so: Aus den Fördermitteln setzt das Jugendamt an den drei beteiligten Hauptschulen (Bachschule, Ernst-Reuter-Schule, Mathildenschule) zu Beginn des nächsten Jahres jeweils einen pädagogischen Mitarbeiter ein. „Diese Stellen für konkrete Fallbeispiele fehlten bislang“, erläutert Bieniussa.

Fehlt an Anerkennung und strukturiertem Alltag

Die Pädagogen sollen sich dann mit dem familiären Umfeld der Jugendlichen auseinandersetzen, Schwächen ansprechen, Stärken fördern und vor allem an deren „Anti-Haltung“ arbeiten. „Das Umfeld der Schüler, die sogenannte Peer-Group, ist oft mitentscheidend für die Einstellung des Schülers“, ergänzt der Schulamtsleiter. Eine weitere Ursache sieht Bieniussa im traditionellen Rollenverständnis von Migrantenfamilien. „Da müssen sich junge Frauen vornehmlich um den Haushalt kümmern und haben folglich wenig Zeit für die Schule.“ Einigen Jugendlichen fehle es zudem an der nötigen Anerkennung und einem strukturierten Alltag. All die Punkte können eine tragende Rolle spielen und sollen im Dialog zwischen Schülern und Pädagogen zur Sprache kommen.

Aus den Erkenntnissen der Einzelarbeit werden dann Maßnahmen eingeleitet, die lerntherapeutische Elemente mit Angeboten aus Kultur, Sport und Erlebnispädagogik verbinden. Was zunächst etwas kryptisch und ungenau klingen mag, hat Methode, wird bewusst offen gelassen. „Zunächst geht es uns darum, die Situation des Jugendlichen zu sehen und zu verstehen. Die Maßnahmen entwickeln sich dann daraus, stehen aber erstmal nicht im Mittelpunkt. Wir wollen nichts vorwegnehmen“, erklärt Roberto Priore, der das Projekt für das Jugendamt koordiniert.

„Wir werden genau überprüfen, welche Wirkung das Programm hat“, sagt Simon. Von Schulsozialarbeit im herkömmlichen Sinne könne keine Rede sein. Wichtig sei es, dass der Dialog zwischen den Pädagogen und Jugendlichen in der Schule stattfinde.

Ideal: Hauptschullehrer mit sozialpädagogischer Ausbildung

Laut Hermann Dorenburg, Leiter des Jugendamts, müssen Schule und Jugendhilfe gemeinsam erarbeiten, was den Schülern nutzt. Gemeinsam wird auch darüber beraten, welche Jugendliche überhaupt in das Programm aufgenommen werden. Auch Schulabgänger aus den Vorjahren sollen angesprochen und gefördert werden.

Ideal für diese Aufgabe, so die Bürgermeisterin, sei ein Hauptschullehrer mit sozialpädagogischer Ausbildung. An Interessenten mangelt es nicht. Mehr als 100 Bewerbungen für die Dreiviertelstellen sind bereits eingegangen. Bis Ende 2013 erhoffen sich die Verantwortlichen eine deutliche Reduzierung der Schulabgänger ohne Abschluss. „Schön wäre es, wenn eine Null stehen würde. Realistisch ist aber die Halbierung der bisherigen Zahl“, sagt Dorenburg.

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