In reformierter Tradition

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Die schiefergedeckte Barockkirche wurde von der Ortsgemeinde finanziert. Weithin sichtbar und somit prägend ist die Turmspitze. 

Rumpenheim - Aus einer Dachreparatur wurde eine neue Kirche: Die Rumpenheimer erklären irgendwann in den 50er Jahren des 18. Jahrhunderts, „die Kirche sey ohne das viel zu klein und würde durch eine Reparatur nicht größer“. Von Martin Kuhn

Die Gemeinde bringt die Baukosten (gut 8000 Gulden) auf, Landgraf Wilhelm VIII. gibt das Bauholz dazu. Am 13. August 1756 wird der Grundstein gelegt, am 19. Juli 1761 die Einweihung gefeiert.

Heute ist das evangelische Gotteshaus eine über die Stadtgrenzen beliebte Trau- und Taufkirche. Das liegt sicher auch an der landschaftlich reizvollen Lage im Schlosspark. Pfarrerin Kirsten Lippek, seit gut neun Monaten in Rumpenheim, bekennt auch sofort: „Ich persönlich liebe diese kleine alte Kirche, und das ging mir vom ersten Augenblick an so.“ Beim Festgottesdienst am Sonntag, 31. Juli, um 10 Uhr, tritt sie etwas in den Hintergrund. Diesen hält an diesem besonderen Tag für die Rumpenheimer die Pröbstin Gabriele Scherle.

Wie sich die Zeiten ändern: Seinerzeit richtet sich die Größe der Kirche wohl nach der Bevölkerungszahl – nach einer Zählung im Jahr 1721 sind das „276 Seelen“. Verständlich, dass ihnen die neue Schlosskirche mit etwa 200 Plätzen riesig erscheinen musste, aus heutiger Sichtweise gilt das Gotteshaus eher als beschaulich. Und die Pfarrerin bekennt: „Sie ist ja recht schmucklos, da zeigt sich die reformierte Tradition - gerade das gefällt mir. Es gibt Freiraum, seine Gedanken wirklich zu sammeln und Ruhe zum Beten zu finden.“ Offenbar empfinden das auch andere so, denn das Angebot der „offenen Kirche“ wird in Rumpenheim rege genutzt.

Ihre Gottesdienste feiert Kirsten Lippek in der Kirche gerne, die nach Entwürfen des Architekten C.P. Diede gebaut wurde: „Da sie klein ist, entwickelt sich schnell eine vertraute, persönliche Atmosphäre. „Bei der Predigt zum Beispiel kann ich manchen direkt in die Augen schauen; ich bekomme mit, wie die Stimmung ist, und der Gottesdienst wird so zu einem wechselseitigen, gemeinsamen Geschehen.“ Dennoch ist wohl die Frage erlaubt, ob dem 250 Jahre alten Bauwerk nicht etwas Staub der Geschichte anhaftet, zumal die Gemeinde selbst wesentlich älter ist? „Überhaupt nicht“, betont die Pfarrerin, „das Christentum ist nicht ohne Geschichte und Traditionen zu haben. Mag auch in unserer Gesellschaft alles, was neu und jung ist, boomen – wir Christen stehen in der 2000 Jahre alten Tradition der Jesusnachfolge, unser Glaube ist erprobt und bewährt, unser wichtigster Wert, die Liebe, ist nicht unsere Erfindung.“

Der Vorgängerbau, ein mittelalterliches Dorfkirchlein wurde von spanischen Truppen im 30-jährigen Krieg geplündert und in Brand gesteckt und 1636 wieder in Stand gesetzt. Erst 1756 setzen die Rumpenheimer bei der Hanauer Grafschaft den Kirchenneubau durch. Dieser war ursprünglich eine Dorfkirche der Rumpenheimer, die seit 1541 dem lutherischen und seit 1595 dem reformierten Glauben anhängen. Erst nach dem Ausbau des Rumpenheimer Schlosses (1781-1805) wurde die Kirche auch „Schlosskirche“, da sie seit 1838 mitten im Schlossgarten steht. Gleichwohl nahmen dort auch die landgräfliche Familie und das „Gesinde“ an den Gottesdiensten teil, und das hat der Kirche viele Zuwendungen aus dem Schloss gesichert.

Bei der Schlosskirche handelt es sich, so ist nachzulesen, um einen unverputzten, schlichten Saalbau mit dreiseitigem Chorschluss. Der Frontturm, 32 Meter hoch und nach wie vor weithin sichtbar, wird von einer Haubenlaterne bekrönt. Rokokoelemente finden sich lediglich im Inneren am Kanzelaltar. Auffällig sind die im klassizistischen Stil errichteten Fürstenlogen, die um das Jahr 1800 hinzugefügt wurden. Die Weltkriege überstand die Rumpenheimer Kirche, anders als das benachbarte Schloss, glücklicherweise unbeschadet. In den Jahren 1966 und 1967 konnte der Kirchbau in seinen ursprünglichen Farben wieder hergestellt werden, vor vier Jahren wurde der orkangeschädigte Turmhahn wieder montiert.

Es könnte als Kosmetik für Bewährtes abgetan werden. Wichtiger ist, dass der Kirchenbau mit Leben gefüllt wird. „Dass die christliche Botschaft aktuell und lebendig bleibt, dafür stehen die Gemeindeglieder in Rumpenheim samt mir für ein – soweit das in unserer Macht steht, jeden Tag aufs neue, und gerne auch in unserer 250 Jahre alten Kirche“, sagt Kirsten Lippek.

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