Regeln sind unumstößlich

+
Cheftrainer Peter Firner erklärt seinen Schützlingen ausführlich die Technik. Im Boxclub Nordend lernen die Jugendlichen, sich an Regeln zu halten - innerhalb und außerhalb des Rings. 

Offenbach - Im Fußball passiert es hin und wieder, dass Brüder versuchen, einander zu düpieren, wenn sie in gegnerischen Mannschaften spielen. Von Stefan Mangold

Die boxenden Brüder Wladimir und Vitali Klitschko mussten ihrer Mutter hingegen versprechen, niemals gegeneinander in den Ring zu steigen. Es ist ein Unterschied, ob jemand dem Bruder den Ball vom Fuß spitzelt, oder ihm ins Gesicht schlägt. Boxen ist und bleibt Kampf.

Weshalb die Idee jugendliche Gewalttäter durch den Faustsport zur Gesetzestreue zu bekehren auf den ersten Blick widersinnig erscheint: Als wollte jemand Trinker zur Abstinenz bewegen, in dem er sie in einer Brennerei beschäftigt. „Boxen ist für uns lediglich der Aufhänger“, erklärt Bernd Hackfort. „Wenn wir an die Jugendlichen über rhythmische Sportgymnastik kämen, wäre es das, was wir anbieten.“ Fraglich nur, ob Hackfort, Geschäftsführer des Boxclubs Nordend, dann ebenfalls mit den Jugendlichen trainieren würde, so wie an diesem Abend, als der 46-Jährige im Ring die Fäuste mit Ali (16) kreuzt, einem technisch versierten Boxer, der Schlägen ausweicht und sich mit tänzelnder Leichtigkeit zwischen den Seilen bewegt.

„Ich kann mir das vorstellen“, gibt der Südwestmeister seiner Altersklasse auf die Frage Antwort, ob er Profiboxer werden wolle. Der Boxclub Nordend gilt mittlerweile auch sportlich als starker Verein. Weit wichtiger sei jedoch, „dass die Jugendlichen eine Lehre anfangen und abschließen“. Der Club nutzt Kontakte, um sie unterzubringen. Seit zwei Monaten absolviert Ali eine Ausbildung. Spätestens um sechs Uhr steht er auf. An manchen Tagen früher. Vor dem Frühstück läuft Ali erst mal ein paar Kilometer. Anschließend geht er in die Berufsschule oder den Betrieb. Abends trainiert er nach den Hausaufgaben im Boxclub Nordend. „Ali bringt enorme Disziplin auf“, sagt Cheftrainer Peter Firner (37).

Danach hatte es vor einem Jahr nicht ausgesehen. „Morgens fuhr ich ihn in die Schule“, erzählt sein Vater. Das Schulgebäude benutzte sein Sohn jedoch nur als Transit. Hinten ging er wieder raus. Morgens lungerte er mit Kumpels im Park. Durch Zufall entdeckte das der Vater. Kurz darauf gab es Halbjahreszeugnisse. In sieben Fächern stand eine fünf, in Mathe eine sechs. Außerdem hatte Ali eine Anzeige wegen Körperverletzung am Hals. Er hatte einen Fahrradfahrer umgetreten, von dem er meinte, er sei ihm zu nahe gekommen. Da war Ali schon im Boxclub Nordend, womit er die Ausnahme ist. Normalerweise kommen Jugendliche, die mit dem Gesetz im Clinch liegen, erst nach einer Verurteilung in den Club, wenn Behörden sie schicken.

Bei Ali setzte jetzt das ein, worauf Hackfort und Firner einen Teil ihres Konzepts aufbauen: auf Konsequenzen. Ali durfte bleiben, auf Bewährung, „weil er viermal die Woche an der Nachhilfe teilnahm“. Wer im Club boxen will, muss sein Zeugnis vorlegen. Wer eine vier hat, geht in die Nachhilfe, die der Verein neben der Halle organisiert. „Das gilt für jeden. Selbst, wenn er Weltmeister wäre“, sagt Peter Firner. Ali schaffte die Versetzung. „Über Regeln diskutieren wir nicht“, betont Geschäftsführer Peter Hackfort. Boxen sei ein Sport mit einem komplexen Regelwerk. Und wer im Ring seine Emotionen nicht kontrolliert, verliert leicht.

Fehlende Konsequenzen und undurchsichtige Auslegung von Gesetzen moniert Hackfort im Jugendstrafrecht. Verurteilte leisten auf dem Gelände des Clubs gegenüber der EVO manchmal Sozialstunden ab. Ein wiederholt ertappter Schwarzfahrer bekäme mitunter das gleiche Strafmaß wie einer, „der jemandem den Kiefer gebrochen hat“. Manchmal schickten Ämter auch solche vorbei, „bei denen wir schnell an unsere Grenzen stoßen“. Jugendliche mit Verhaltensmustern, um die sich Psychiater kümmern müssten, keine Sozialarbeiter. Im Club ist gegenseitiger Respekt ein primäres Lernziel. Auch vor dem Gegner. Bei Wettkämpfen in der Halle am Nordring fällt auf, wie fair die Mitglieder auf Kämpfer fremder Vereine reagieren.

Die meisten Jugendlichen kommen aus patriarchalisch geprägten Kulturen. Der Mann bestimmt, unabhängig von seinen Fähigkeiten. Es geht auch anders. Eine junge Boxerin führt Übungen vor, die alle in der Halle imitieren. „Einige brauchen Zeit, um sich daran zu gewöhnen, wie die Dinge hier laufen.“ Sie müssen. Die Regeln stehen fest.

Kommentare