Regierungspräsidentin stoppt Zeltlager im Eschig

Zeltlager für Flüchtlinge nein, feste Unterkünfte ja

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Der Eschig an der Mühlheimer Straße wird kein Zeltlager-Standort. Eigentlich hätten gestern dort Arbeiten beginnen sollen.

Offenbach - Zeltlager nein, feste Unterkünfte ja: Die Stadt Offenbach ist nach Worten ihres Vize-Verwaltungschefs wild entschlossen, dem Land bei der vorübergehenden Aufnahme von Asylbewerbern unter die Arme zu greifen. Von Thomas Kirstein 

Die Suche nach festen Unterkünften werde intensiviert, kündigte Bürgermeister Peter Schneider (Grüne) gestern an. Am Abend zuvor hatte die Regierungspräsidentin das als Standort für eine Dependance des Gießener Erstaufnahmelagers ausgewählte Gelände an der Mühlheimer Straße kurzfristig als doch nicht geeignet bewertet. Damit hat Brigitte Lindscheid eine nur Stunden vorher protokollierte Einschätzung ihrer Beamten widerrufen: Nun sollen im einstigen Sozialwohngebiet Eschig doch Untersuchungen auf Bomben und Geschosse aus dem Zweiten Weltkrieg notwendig sein.

Kaum war die mit dem hessischen Sozialministerium abgestimmte Nachricht über den Zeltlager-Standort übermittelt, wurde hinter den Kulissen bereits zurückgerudert. Bürgermeister Schneider ließ gestern Revue passieren, wie Offenbach auf die Bitte des Sozialministeriums um Unterstützung reagierte. Am Montag scheint alles klar: Die 10.000 Quadratmeter im Eschig passen, Infrastruktur vorhanden, keine Altlasten und – so die Absprache mit den RP-Gesandten – momentan keine Kampfmittelsondierung nötig. Eine solche ist freilich bereits für Juni oder Juli 2016 vorgesehen, wenn auf dem Areal mit dem Neubau der Fröbelschule begonnen wird.

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Am Dienstagnachmittag ruft Regierungspräsidentin Lindscheid ihren Parteifreund Schneider an: Kommando zurück. Sie beruft sich auf Rücksprache mit dem Kampfmittelräumdienst ihrer Behörde. Dessen Fachleute hielten Untersuchungen im Gegensatz zu ihren vorher in Offenbach eingebundenen Kollegen für dringend geboten. Eine „erste Absuche“ am Dienstag habe „großflächige Anomalien“ aufgezeigt. Weitere Maßnahmen seien aber zu aufwändig und in der gebotenen Zeit nicht zu bewältigen. Die Erläuterung der genauen Hintergründe muten sich die Vertreter der Stadt nicht allein zu. Das Regierungspräsidium soll seine Entscheidung selbst plausibel machen. RP-Sprecher Dieter Ohl und Feuerwerker Dieter Schwetzler stehen in Offenbach Rede und Antwort.

Vor Kampfmitteln kapituliert

Bürgermeister Peter Schneider formuliert, was viele Menschen verwirren dürfte: „Für Laien ist nur schwer verständlich, dass keine Zelte errichtet werden dürfen, wo jahrzehntelang Wohnhäuser standen, die dann mit schwerem Gerät ohne Bedenken abgerissen werden durften.“

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Es sei wohl Glück gewesen, dass damals nichts passiert sei, wirft RP-Sprecher Ohl ein. Außerdem hätten sich in der Zwischenzeit die Vorschriften verschärft. Feuerwerker Schwetzler berichtet, wie parallel zur Entscheidung in Offenbach Luftaufnahmen alliierter Bombenangriffe studiert wurden: deutliche Bombentrichter, mehrere Flakstellungen im Eschig-Umkreis. Sprengkörper, darunter auch welche mit heimtückischem Zeitzünder, könnten bis in fünf, Flakgeschosse in anderthalb Meter Tiefe vergraben sein, weiß der Experte. Beim Abbruch der Wohnblöcke wurden Keller mit Schutt verfüllt, die Fläche ist eingeebnet, das Material mithin so verteilt, dass eine einfache Sondierung nicht möglich sei. Die vorgesehenen Zelte hätten laut Ohl mit 80 Zentimeter in den Boden reichenden Verankerungen gesichert werden sollen. Bürgermeister Schneider weiß von Zelt-Systemen, die mit Gewichten auskommen. „Aber man hat wohl das Restrisiko nicht in Kauf nehmen wollen“, meint er.

Der Stopp für das Lager aus neun Zelten für 450 Menschen bedeutet nun nicht das Aus für die Bemühungen der Stadt in Sachen Flüchtlingsaufnahme. „Die aktuelle Entwicklung ist aus meiner Sicht eine traurige Nachricht, weil Offenbach sich bemüht, Leid und Not der Flüchtlinge in Hessen zu lindern“, sagt Peter Schneider und kündigt die verschärfte Suche nach festen Unterkünften an. Welche Objekte in Frage käme, will er nicht erörtern, jeden Tag kämen an die 20 Vorschläge hinzu. Fest steht nur: Die Stadt selbst hat keins, muss also auf private Eigentümer setzen. Zahlen wird immer das Land.

Ein schon bei der Zeltlager-Planung abgesprochenes Ziel bleibt: Ab November sollen in Offenbach feste Unterkünfte zur Verfügung stehen. In sozialen Medien spekulieren die Nutzer: Favoriten sind das alte Bettenhaus am Klinikum und die KWU-Siemens-Gebäude an der Berliner Straße.

Andere Standorte für Zelte werden jedenfalls nicht gesucht, überall dürfte das Kampfmittelproblem gegeben sein. Das gilt auch für eine geprüfte Alternative auf dem Buchhügel. Der Bedarfsparkplatz an der Buswendeschleife wurde vorher schon verworfen, weil er zu klein und zu nah an einem Kindergarten und einer Grundschule gelegen ist.

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