„Eine harte Nummer“

Wie sich regionale Buchhandlungen durch den zweiten Lockdown schlagen

Lockdown im Weihnachtsgeschäft: Am 16. Dezember mussten die Buchhandlungen schließen. Viele bieten aber Lieferservice und Abholmöglichkeiten an, wie auch die Buchhandlung „Bücher bei Dausien“ in Hanau (rechts).
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Lockdown im Weihnachtsgeschäft: Am 16. Dezember mussten die Buchhandlungen schließen. Viele bieten aber Lieferservice und Abholmöglichkeiten an, wie auch die Buchhandlung „Bücher bei Dausien“ in Hanau (rechts).

Mitten im ersten Lockdown ist Maria Lisa Schumacher Inhaberin eines geschlossenen Buchladens geworden. Am 1. April vergangenen Jahres übernahm sie die „Steinmetz’sche Buchhandlung“ in der Offenbacher Innenstadt. Die Übergabe war lange im Voraus geplant, und so zog die Germanistin das Vorhaben trotz der coronabedingten Ladenschließungen durch.

Offenbach - Jetzt, im zweiten Lockdown, ist der Ausnahmezustand für die 37-Jährige schon fast Routine: Buchbestellungen werden telefonisch und per Mail angenommen, die Bücher werden ausgeliefert oder können an der Tür abgeholt werden. Die Kundinnen und Kunden sind dankbar, sagt Schumacher. Zermürbend sei die Situation dennoch.

Der zweite Lockdown kam am 16. Dezember ausgerechnet zur umsatzstärksten Zeit des Jahres: Den Buchhändlerinnen und -händlern ging damit ein Großteil des – dieses Mal sogar besonders gut angelaufenen – Weihnachtsgeschäfts durch die Lappen. Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels rechnete aus, dass der Jahresumsatz im stationären Buchhandel 2020 unterm Strich 8,7 Prozent weniger gewesen sei als im Vorjahr.

Die Nachricht, dass der derzeitige Shutdown erst mal bis Ende Januar verlängert wird, und, wer weiß, womöglich noch länger andauern könnte (Aktualisierung 20.1.21: Verlängerung bis 14. Februar), bereitet Maria Lisa Schumacher Sorgen: „Das ist schon eine harte Nummer“, findet sie. Der Branche stehe ein „weiteres schwieriges Jahr“ bevor, befürchtet auch die Vorsteherin des Börsenvereins, Karin Schmidt-Friderichs. Wie können Buchhandlungen in diesen Zeiten überleben? Welche Auswirkungen hat die Schließung der Läden möglicherweise längerfristig für die gesamte Buchbranche?

Hanauer Buchhandlung „Bücher bei Dausien“ hat eine Durchreiche in die Eingangstür gebaut

Die Buchhandlung „Bücher bei Dausien“ in Hanau hat eine improvisierte Durchreiche in die Flügeltür am Eingang eingebaut. Immerhin dürften die Buchläden im Gegensatz zum ersten Shutdown nun einen Abholservice anbieten, sagt Inhaber Joachim Weihl. Trotz dieses Angebots und des Lieferservices sei das Hauptgeschäft aber dennoch verloren, das durch Kundinnen und Kunden im Laden gemacht werde, die stöbern und sich beraten lassen, sagt Mitarbeiterin Doris Hartmann: „Das ist ja der Spaß beim Bücherkaufen; dass man die Bücher in die Hand nimmt, den Klappentext liest, Neues entdeckt, sich verführen lässt.“ Joachim Weihl will sich nun nach staatlichen Hilfen umsehen, die angesichts der „erheblichen Umsatzverluste“ nötig seien.

Zu kämpfen hat auch Jutta Schmitt, die Inhaberin der Buchhandlung „Bücher bei Frau Schmitt“ in Dietzenbach. In den letzten beiden Tagen vor dem Lockdown habe sie noch einen Ansturm von Panikkäufern bewältigen müssen – dann war von einem Tag auf den anderen das Geschäft hinüber. Wenn die Situation noch lange anhalte, schreibe sie rote Zahlen. „Denn die Miete läuft ja weiter“, sagt sie. Von staatlichen Hilfen hat Jutta Schmitt im zweiten Lockdown bisher nicht profitiert; da habe sie keine passenden gefunden, sagt sie. Vormittags zwischen 9 und 13 Uhr nimmt die Buchhändlerin jetzt im Laden telefonische Bestellungen entgegen. Dienstags und freitags liefert sie aus.

Lockdown hat Auswirkungen auf die gesamte Buchbranche

Besonders ungünstig für die Buchbranche ist vor allem der Zeitpunkt des Lockdowns: Die Verlage bringen gerade ihre Frühjahrsprogramme mit Neuerscheinungen heraus – aber die Buchhandlungen werden viel weniger bei den Verlagen bestellen. „Ich versuche, mein Lager kleinzuhalten“, sagt Maria Lisa Schumacher von der „Steinmetz’schen Buchhandlung“. „Ich überlege genau, welche Bestellungen ich mache.“ Auch bei „Dausien“ habe man Termine mit den Verlagsvertretern, die die Programme vorstellen, erst mal verschoben. „Wir kaufen dieses Frühjahr sehr vorsichtig ein“, sagt Doris Hartmann. Denn im Zweifelsfall bleibe die Buchhandlung auf den Büchern, die nicht verkauft werden, sitzen.

Das bedeutet nichts Gutes für die Verlage: Aufgrund der geringeren Nachfrage und der unvorhersehbaren Situation, der ausgefallenen Lesungen und Messen, hatten viele Verlage schon im vergangenen Jahr Neuerscheinungen verschoben oder abgesagt. Das sei ein „Alarmsignal“, sagte die Börsenvereins-Vorsteherin Schmidt-Friderichs im Sommer 2020: Die literarische und kulturelle Vielfalt sei gefährdet.

Online-Geschäft ist für kleine Buchhandlungen noch wichtiger geworden

Paradox erscheint diese Situation durchaus, denn eigentlich heißt es, dass gerade seit der Corona-Krise besonders viel gelesen werde. Und auch der Börsenverein hat über weite Teile des vergangenen Jahres eine große Nachfrage nach Büchern festgestellt.

Davon scheinen allerdings vor allem die riesigen Onlinehändler zu profitieren. Deutschlands größte Buchhandelskette „Thalia Mayersche“, die auch in Offenbach und Hanau Filialen betreibt, hat es durch ein starkes Onlinegeschäft sogar geschafft, in der Krise zu wachsen. Im Geschäftsjahr 2019/20 ist ihr Umsatz nach eigenen Angaben um rund sechs Prozent auf etwas über eine Milliarde Euro gestiegen.

Inzwischen haben auch viele inhabergeführte Buchläden eigene Online-Shops, und man kann direkt über ihre Homepage Bücher bestellen. Die Logistik der Online-Bestellungen übernehme dabei der Zwischenhändler, erklärt Doris Hartmann von „Bücher bei Dausien“; das könnten kleine Buchläden sonst nicht schaffen. Den Zwischenhändlern, die Wannen mit Büchern zu den Buchhandlungen ausfahren, ist es auch zu verdanken, dass der kleine Buchladen oft schon am Folgetag die bestellten Bücher zum Abholen bereithält. „In Deutschland ist der Buchhandel im Gegensatz zu manch anderem Land super organisiert“, sagt Hartmann. Das Zwischenhändler-System sei den Buchläden in der Krise eine wichtige Hilfe.

Bestellung bei der lokalen Buchhandlung als „bewusste Entscheidung“

Dennoch haben die inhabergeführten Buchhandlungen entscheidende Nachteile gegenüber den „großen Mitbewerbern“, wie Jutta Schmitt aus Dietzenbach es formuliert: Bei der Suche nach einem Buch erscheint bei Google nicht automatisch die Buchhandlung um die Ecke, sondern mindestens einer der bekannten Großhändler. Und bei einer Bestellung in der örtlichen Buchhandlung müsse man, wenn es wie bei Schmitt keinen Onlineshop gibt, vielleicht noch eine E-Mail schreiben oder anrufen. Das Buch dennoch beim lokalen Buchhändler zu bestellen, sei „eine Entscheidung, die man trifft, genauso wie wenn man sich für Nachhaltigkeit oder veganes Essen entscheidet“, findet Schmitt.

Viele ihrer Kundinnen und Kunden seien sehr loyal – nicht nur in diesen schwierigen Zeiten. Sie reichten Karten und Plätzchen in den Laden – schließlich profitierten alle von der persönlichen Beziehung: Die Buchhändlerin bringe beispielsweise auch mal ein auf den letzten Drücker bestelltes Schulbuch kurz vorm Unterricht noch schnell ins Schulsekretariat.

Auch Maria Lisa Schumacher sieht die kleinen Buchhandlungen trotz der Schwierigkeiten nicht ausschließlich im Nachteil: „Ich vergleiche uns gerne mit einem Segelboot, das nur die Segel umsetzen muss, während ein Dampfer den Kurs nicht so leicht ändern kann.“ Die Buchhändlerin will sich nun durch den „Dschungel der Hilfsangebote“ schlagen. Dass sie auch 2021 trotz Corona erfolgreich meistern wird und den Laden über die schwere Zeit retten kann, davon ist sie überzeugt – auch wegen der großen Solidarität, die sie vonseiten der Kundschaft erlebt. „Dass die älteste Buchhandlung Offenbachs schließt – das wäre unvorstellbar.“

(Lisa Berins )

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