Ein Reihenhaus-Kokon

Offenbach - Manchmal lässt sich städtischer Zukunftswille am besten mit klar formuliertem Unwillen zur Wiederholung von Fehlern der Vergangenheit demonstrieren. Von Marcus Reinsch

In Sachen Städtebau beispielsweise: „Ich will unsere aufstiegsorientierten Migranten von heute in zehn Jahren nicht in Rodgau oder sonstwo treffen“, sagt Oberbürgermeister Horst Schneider. Dass Offenbach den Rücken kehrt, wer genug Geld für eine Vorstadtimmobilie zusammen hat, das „ist uns in den 70er Jahren schonmal passiert.“

Also baut die Stadt diesmal vor, sprich: Sie lässt vorbauen - 70 massiv gebaute Reihenhäuser auf dem ehemaligen Tack-Gelände an der Siemensstraße bis Ende 2010. Für „die Aufstiegs-Migranten“, wie sie der OB nennt, für junge Familien sowieso, und eigentlich für alle, die der Deutschen Reihenhaus AG als Bauträger bis zu 130 000 Euro für 85 Quadratmeter oder etwas weniger als 200 000 Euro für 141 Quadratmeter Wohnfläche zahlen können. Keller gibt‘s nicht, aber ein Blockheizkraftwerk, das einen Heizungsraum erspart, das Recht auf eine Gartenhütte und in den größeren Häusern einen ausgebauten Dachboden. Die Grundstücke sind inklusive.

Die Siemensstraße ist kein einfaches Terrain, hatte es in den vergangenen Jahren schon bis zum Politikum geschafft, weil niemand so recht wusste, ob das funktionieren würde mit einer neuen Wohnsiedlung an dieser Stelle. Das Gebiet ist quasi umzingelt von Störfaktoren. Vom in Offenbach beinahe allgegenwärtigen Fluglärm mal abgesehen: Im Norden der Siemensstraße rauschen Züge und S-Bahnen vorbei, aus Süden und Westen droht akustische Bedrängnis von Bieberer Straße und Unterer Grenzstraße, zwei der dicksten Verkehrsadern Offenbachs. Und außer im Westen gibt es, wie die Reihenhaus AG in ihrem Dossier schreibt, den „Einwirkungsbereich von gewerblich genutzten Flächen“. Da wäre vor allem die Sortierhalle des Stadtdienstleisters ESO zu nennen, der mancher gewerbliche Nachbar schon eine Ungeziefer-Invasion in die Schuhe schieben wollte. Bewiesen wurde das nie.

Beruhigende Attribute gibt es quasi standardmäßig dazu

Beweisbar ist für Katja Heinz, bei der Reihenhaus AG Leiterin des Offenbacher Projektes, allerdings, dass die Sache mit dem Schall kein Problem ein muss. Wichtigster Posten ihrer aus dem Schallschutzgutachten abgeleiteten Liste der Gegenmaßnahmen ist eine zweieinhalb Meter hohe Lärmschutzwand entlang der südlichen Plangebietsgrenze. In der Nordost-Ecke sollen Garagenhöfe das Schlimmste schlucken. Ein Reihenhaus-Kokon.

Und auch sonst gibt es einige im Wortsinn beruhigende Attribute quasi schon standardmäßig. Massive Außenwände gehören dazu, isolierverglaste Fenster mit umlaufenden Dichtungen und mehrschalige Dachkonstruktionen. Nicht zu vergessen der Umstand, dass nicht das gesamte der Weinheimer Freudenberg Immobilienmanagement GmbH gehörende Areal dem Reihenhaus-Viertel zugedacht ist. Nur auf 1,9 der 3,4 Hektar sollen die Eigenheime entstehen; auf dem Rest könnte quasi als Akustik-Puffer zur Daimlerstraße „nicht störendes Gewerbe“ angesiedelt werden, also Büros oder wenigstens Betriebe, die weder Krach noch Lärm machen.

Das Häuser-Layout selbst ist als Wohnpark angelegt, soll mit einer t-förmigen Privatstraße erschlossen und mit einigen Lockrufen an Menschen versehen werden, die nicht anonym leben wollen. Wege, Grünflächen, Gemeinschafts- und Spielplatz werden Besitztum der Eigentümergemeinschaft.

Die Stadt sorgt, vermutlich nächste Woche, für den exakt auf die Bauträgerbedürfnisse zugeschnittenen Bebauungsplan, hält sich ansonsten raus und muss so auch keine Folgekosten fürchten.

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