Mal reinen Tisch machen

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Tatkräftig: Wolfgang B. ist gelernter Schreiner und somit ein Glücksfall für das Stadtarchiv. Weil er den Widerstand gegen ein Schwarzfahrer-Knöllchen bis zum Äußersten trieb, restauriert er nun einen altehrwürdigen Tisch.

Offenbach - Wohl doch zu viele Knastfilme geguckt. Säge, Feile, Handy - da fängt die Phantasie an zu kreisen. Der Verurteilte Wolfgang B., der müsste doch eigentlich nur kurz von diesem Monstrum von Tisch ablassen und dreimal schnell zugreifen, um alles für einen Ausbruch zusammen zu haben. Irgendwo Gitter anfeilen, durchsägen, raus aus dem Fenster, Kumpel anrufen, abholen lassen… Von Marcus Reinsch

Wie gut, dass Wolfgang B. auch einfach die Treppe runter und durch das Portal spazieren kann, wenn er die dicken Mauern von außen sehen will. B. ist Verurteilter, aber kein Gefangener. Und hier im Bernardbau an der Herrnstraße, wo das Haus der Stadtgeschichte und das Stadtarchiv ein standesgemäßes Domizil gefunden haben, wo eigentlich Geschichten aufbewahrt werden und nicht Ganoven, tut er Buße auf Raten. Seine Sünde war nichts Schlimmes, keine Gewalttat, um Himmels willen. Allerhöchstens ein Vergehen am gesunden Menschenverstand.

Was den gelernten Schreiner Wolfgang B. hierher gebracht hat, war Schwarzfahren in Tateinheit mit fortgesetztem Schwarzärgern. Wer ohne seine Monatskarte im Bus erwischt wird und die 40 Euro Strafe nicht sofort bezahlt, der bekommt üblicherweise ein Überweisungsformular zugeschickt. Für mehr muss man sich schon anstrengen. Wolfgang B. hat sich sehr angestrengt. Er wollte das Dauerticket nachreichen, erklärt er. Doch das ist wegen der Übertragbarkeit der Fahrscheine nicht erlaubt, was ab und zu für Furor zwischen Verkehrsbetrieben und vergesslichen Fahrgästen sorgt. Bei Wolfgang B. weckte es nicht nur die Empörung, sondern den Rebellen.

Der war er schon mal, sagt er, als er in den Siebzigern langes, dunkles Haar trug und der Obrigkeit aus Prinzip trotzte. Und der war er wieder, als vor einigen Monaten das Schwarzfahrer-Knöllchen kam. Er warf den Brief weg. Zahlte nicht nach der Zahlungserinnerung und nicht, als die Mahn-Maschinerie schon auf Hochtouren lief. Verschmähte die vom Inkassounternehmen eingeräumte „letzte Chance“ und wird heute noch von einer Art heiligem Zorn überfallen, wenn er an die Formulierungen in diesem Schreiben denkt.

B. zahlte erst, als die Sache vor Gericht landete und ein Diener Justitias die Wiedergutmachungswährung von Euro in Zeit änderte - 150 Sozialstunden, dann sei die Sache erledigt. Also steht Wolfgang B. in diesen Wochen im Lesesaal des Stadtarchivs. Feilt, sägt, schmirgelt, schraubt, poliert, beizt, lasiert, lackiert, erledigt seine…

„…Strafarbeit? Ach, es macht eigentlich Spaß“,stellt B. fest, dessen Haare jetzt kurz sind und grau, was ihm, wie er feststellt, Spiegel seit geraumer Zeit irgendwie suspekt mache. Wolfgang B. ist 52, und wie sehr die Jahre jedem und allem den Glanz rauben, beweist ihm momentan immer wieder ein Möbelstück, das vermutlich doppelt so alt ist wie er selbst.

Wann genau der Tisch gebaut wurde, den B. quasi im Namen des Volkes restauriert, „kann heute kein Mensch mehr sagen“, bedauert Josef Reinschmidt. Der Archiv-Mitarbeiter kennt sich ein bisschen aus mit der Materie, vermutet die Geburtsstunde des massiven Möbels angesichts des Materialmixes

Ein Unterbau wie

ein Sargdeckel

in den ersten Jahrzehnten des vergangenen Jahrhunderts. „Vor uns war hier ein Designer drin. Kann sein, dass der ihn hat stehen lassen, als er auszog. Kann auch sein, dass der Tisch schon da stand, als er hier einzog.“ Als B. die abgenutzte, stumpfe, verkratzte Antiquität vorsichtig auseinander nahm, fand sich keine der Plaketten, in die damalige Handwerkergenerationen gerne ihre Namen graviert haben.

Wichtig sind ohnehin andere Dinge. Der Tisch - ein Meter breit, 2,80 Meter lang, gezimmert aus Eiche und Kirsche, mit Schubladen aus Buche, Zapfenverbindungen, Linoleumeinlagen und einem Unterbau, der aussieht wie der Sargdeckel eines Riesen - leistet weiterhin gute Dienste. Im holzgetäfelten Lesesaal des Stadtarchivs, von dem aus die Gebrüder Bernard einst ihre Schnupftabakfabrik lenkten, nutzen die Archivare das Unikat, um Dokumente für Hobbyhistoriker bereit zu legen oder Häppchen für Kulturveranstaltungen.

Und: So unglücklich die Kombination aus Schwarzfahren und Trotz für Wolfgang B. war, so sehr ist der Mann ein Glücksfall für das Stadtarchiv. B. war zwölf Jahre als Restaurator in Rodgau selbstständig. „Da hat‘s gleich bei mir geklingelt, als die Gerichtshilfe anrief“,sagt Josef Reinschmidt. Ihm stellen sich immer mal wieder Menschen vor, die Sozialstunden ableisten müssen. Und die dann üblicherweise in den Magazinen aufräumen oder Dokumente sortieren - „falls es keine Raufbolde, Diebe oder Brandstifter sind, natürlich“.Bei Wolfgang B., der demnächst ins Nordhessische umziehen will, wo er und seine Freundin ein Haus zum Renovieren gekauft und die Kinder an einer neuen Schule angemeldet haben, war das Stadtarchiv sofort Feuer und Flamme.

Und noch eine Besonderheit wird es geben: Im Bernardbau werden normalerweise keine Gerichtsakten aufbewahrt, das ist Sache der Justiz. Aber für den „Fall Wolfgang B.“ und die Bestätigung, dass seine Sünde gesühnt ist, werden die Stadtarchivare mal eine Ausnahme machen.

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