Fahrkarten im Durchzug

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Am Hauptbahnhof war es wenigstens warm. Doch dort ist Schluss: Seit Montag sind die Türen dicht. Wer Auskünfte oder Fahrscheine der Deutschen Bahn will, muss zum Marktplatz.

Offenbach ‐ „Ein Reisezentrum soll das hier sein? Das hat seinen Namen wirklich nicht verdient!“ Der ältere Herr, der seinen Namen nicht nennen will, ist wütend. „Wie die Luft hier durchfegt, das ist eine wahre Pracht.“ Von Simone Weil

Und tatsächlich haut es beim Kiosk nebenan fast die Tageszeitungen aus den Ständern. Mit dem windumtosten Ort macht schon Bekanntschaft, wer mit der Rolltreppe vom Bahngleis hochfährt. Deswegen ziehen die Wartenden am Bahnschalter in der Zwischenebene der S-Bahn-Station Marktplatz die Kapuzen über die Ohren und kuscheln sich in Jacken und Mäntel.

Seit Montag dieser Woche hat das Reisezentrum im Hauptbahnhof seine Türen geschlossen. Alle, die Fahrplanauskünfte und Bahnkarten wollen, müssen nun zum Marktplatz. Es sei denn, sie erledigen das per Internet, falls vorhanden.

Wer will, kann sich auch an den neuen Automaten ausprobieren, um an Tickets für den Nah- und Fernverkehr zu kommen. „Für Leute, die keine Erfahrung haben, ist das ein Buch mit sieben Siegeln“, meint Leser Otmar Grasmuck. „Auch wenn die Öffnungszeiten der Schalter erweitert werden, das zugige Loch bleibt erhalten“, kommentiert er das Ganze.

Jetzt steht Reisezentrum drüber. Trotzdem bleibt es ein windumtostes Plätzchen, an dem die Kundschaft auf Beratung und Fahrkarten warten muss.

Bei der Bahn heißt es dazu: „Trotzdem sind die Kunden lieber an den Marktplatz gegangen, das Reisezentrum hat dort einfach eine ideale Lage.“ Bauliche Nachbesserungen wie eine zusätzliche Wand gegen den Wind schließt der Sprecher wegen des Fluchtwegs aus. Da nun an den drei nachfragestärksten Tagen Montag, Dienstag und Freitag die Schalter von 10 bis 17 Uhr mit zwei Mitarbeitern besetzt seien, müsste die Kundschaft auch nicht so lange im Durchzug stehen.

Die neuen Automaten, bei denen die Trennung zwischen Nah- und Fernverkehr aufgehoben ist, seien einfach zu bedienen und in vielen Sprachen selbsterklärend. Drei Tage lang seien sogenannte Automatenguides am Marktplatz der Kundschaft behilflich gewesen. Wobei es dabei nicht darum ging, diesen das Händchen zu führen, sondern sie zum Ausprobieren zu ermuntern.

„Bei uns ist warm“

Bürgermeisterin Birgit Simon bezeichnet die Bahn als „schwierigen Partner“, weil sie für die Kommunen praktisch nicht erreichbar sei. Trotzdem versuche sie, über den Rhein-Main-Verkehrsverbund Einfluss zu nehmen, der sei schließlich Auftraggeber. Die Verkehrsdezernentin rät, sich zu beschweren. Schnelle Lösungen verspreche sie sich nicht davon, aber vielleicht ändere sich auf lange Sicht doch etwas.

Anja Georgi, Geschäftsführerin der Lokalen Nahverkehrsorganisation (LNO), empfiehlt den persönlichen Service in der Mobilitätszentrale, die alle Nahverkehrstickets außer Einzelfahrscheinen verkauft (so können die Automaten umgangen werden). „Bei uns ist warm“, sagt sie. Außerdem könnten Fahrkarten für den Fernverkehr auch noch in Reisebüros erstanden werden.

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